Mittwoch, 4. Juli 2012

Turkmenistan - in einem Land vor unserer Zeit


jung und alt

Nur noch drei Tage blieben uns im Iran, um uns langsam von diesem eindrücklichen Land zu verabschieden. Die verkehrsreichen Strassen würden wir nicht vermissen, dies war uns schon viel länger klar. Unser Schutzengel stand sowieso schon unter Dauerstress uns auf den iranischen Strassen zu überwachen, und die kleine Unfallstatistik, die wir unterwegs erstellten, spricht auch für sich: Von insgesamt zehn Verkehrsunfällen, die wir auf unserer gesamten Reise bisher gesehen hatten, ereigneten sich neun im Iran. Zwei davon waren schwer, der Rest Blechschäden. Eigentlich erstaunlich, hatte nicht ein gewisser Mahmud Ahmedinajad aus Teheran eine Doktorarbeit in Verkehrskontrolle geschrieben? Wie wir zum Glück erst später erfahren haben, sterben in Yazd jede Nacht ein bis zwei Motorradfahrer auf der Strasse. Und die insgesamt 28´000 Verkehrstoten pro Jahr im ganzen Land zeigen ebenso auf, dass hier wohl eher alles andere als der Verkehr kontrolliert wird... Immerhin stoppen die Autofahrer mittlerweile tagsüber bei Rotlicht an der Ampel.

Gegend nach Mashhad
Die letzten beiden Tage im Iran waren dann aber das pure Gegenteil. Die bis dreissig Kilometer nach Mashhad hupenden und vorbeidonnernden Lastwagen wurden zu einer letzten Geduldsprobe, doch dann schien keiner mehr Interesse zu haben, an die Turkmenische Grenze zu fahren. Wir radelten auf einer eher kleineren Strasse durch wunderschöne Hügel, vorbei an steppen- und wüstenähnlichen Landschaften ins Grenzörtchen Sarakhs, wo wir uns für zwei Nächte im einzigen Hotel niederliessen. Hier trafen wir auch auf Mike und Lisa, ein Radlerpärchen auf dem Weg nach China. Ihr turkmenisches Transit-Visum begann einen Tag früher als unseres, und so fuhren sie frühmorgens los, während wir noch am Z´morge bei Brot, Butter und Rüeblikonfi sassen. Unser Projekt an diesem Tag lautete: Postkarten versenden. Wie es halt so ist im Iran, hatten wir bald einmal einen netten Herrn an unserer Seite, der uns zur Post führte. Doch die Postbeamtin schickte uns gleich weiter zur Postbank. Dort angekommen, machte die Dame am Schalter grosse Augen, als sie unsere Karten sah. Sie war erst etwas verunsichert, doch dann brachte sie uns gepolsterte Kuverts, in denen wir die Postkarten versenden sollten. Preis für ein Kuvert: 15 Stutz. Wir erklärten ihr und auch unserem Begleiter, der uns schon fast die Karten aus den Fingern riss, dass wir nur ganz normale Ansichtskarten versenden wollten. Marke drauf und Schluss. "Geht nicht. Nur innerhalb des Irans." war die Antwort. Uns war zu heiss, um noch länger mit den Beamten zu diskutieren. Dann würden wir sie halt aus Zentralasien versenden, und entfernten uns aus der Postbank. Wir schauten auch, dass wir uns bald von unserem "hilfreichen" Begleiter entfernen konnten,  denn dieser wurde langsam etwas aufdringlich. Später wollten wir es noch einmal selbst in einer anderen Filiale versuchen, die ich zuvor gesehen hatte. Dies taten wir dann auch, und der Beamte da machte erst einmal ein Foto von uns, aber schien dann gleich zu verstehen, was wir wollten. Er holte Marken aus dem Tresor und hielt sie uns hin zum Aussuchen. Wir waren etwas erstaunt, denn wir hatten ja keine Ahnung wie viel es kosten würde, Karten in die Schweiz zu versenden. Sicherheitshalber entschieden wir uns für die teuersten, und da war er wiederum erstaunt, dass wir nur eine Sorte auswählten. Wir klebten gemeinsam die Marken feinsäuberlich auf. Anschliessend drückten wir ihm die Karten in die Hand zum Abstempeln. Er fiel aus allen Wolken, als er merkte, dass wir die Postkarten tatsächlich versenden wollten. Verblüfft holte er genau das gleiche gepolsterte Kuvert hervor, das wir schon am Morgen abgelehnt hatten. Auch er schien das System "Postkarte ins Ausland versenden" nicht zu kennen... Er begriff dann aber schneller als die Dame in der anderen Filiale, telefonierte herum und schaute in seinem Computer nach, ob dies denn ginge und wie viel es kosten würde. An seiner freudigen Reaktion merkten wir, dass er erfolgreich war. Er beauftragte seine Mitarbeiterin, aus einem Gerät auf dem Tisch sechs Marken auszudrucken, während wir die anderen Marken wieder feinsäuberlich entfernten. Jene wurden dann ersetzt von den neuen Marken, und dann kam der obligatorische Stempel drauf. Sichtlich erfreut, dass er uns helfen konnte, rechnete er uns dann den Preis aus: 15 Stutz pro Karte. Uns riss langsam der Geduldsfaden. Zum Glück hatten wir Mahdi, dessen Telefon 24 Stunden für uns eingeschaltet war. Wir riefen ihn an, und er machte den Dolmetscher per Telefon. Nach fünf Minuten wusste der Beamte dann schliesslich was zu tun war, während wir wieder feinsäuberlich Marken entfernten. Da die Postbank schon bald ihre Türen schloss, wurde uns versichert, dass die Karten am nächsten Morgen gleich als erstes bearbeitet werden und auf "normalem" Weg in die Schweiz versendet würden. Wir bezahlten, und verliessen das Gebäude. Für all diejenigen, die aus dem Iran eine Karte erwarten: Wir haben alles gegeben! Die Karte wird ankommen - Inshallah!

Iran - khaste nabashid ve khoda hafez!

Wir waren seit längerem gespannt auf unseren nächsten Abschnitt, Zentralasien. Bis jetzt war die Reise relativ einfach zu meistern, doch nun gesellten sich zu den kulturellen Unterschieden noch zusätzliche Schwierigkeiten. In Turkmenistan erwartete uns eine trockene, heisse Wüste, Usbekistan ist berüchtigt für Reisedurchfälle und in Tadschikistan ist die Höhe das Damoklesschwert. So fuhren wir am nächsten Morgen etwas nervös um zwanzig vor Acht los, an die Iranisch-Turkmenische Grenze. Wir wussten, dass die Grenzübertritte nun immer wie mühsamer wurden, also stellten wir uns darauf ein. Auf der Iranischen Seite wurde unser Pass etwas unmotiviert vom einen ins andere Büro und wieder zurück gereicht, während die Zöllner mit ihrem Frühstück beschäftigt waren, bis Domi schliesslich überdeutlich unsere restlichen Rials in die Spendebox direkt vor dem Schalter warf und dafür ein breites Lachen eines Zöllners erntete. Von da an ging es dann eigentlich ganz rasch. 
camels x-ing vor dem Wachtposten
Der Iran liess uns gehen und auf der anderen Seite der Grenzbrücke wurden wir bereits von einem turkmenischen Wächter erwartet. Nach einer raschen Passkontrolle hiess er uns das Grenzhäuschen zu betreten, wo uns ein Arzt wichtig anschaute, und danach viel zu schreiben hatte. Wir gaben unsere Pässe ab, worauf die Zollbeamten ebenso viel zu schreiben hatten. Die sowjetische Bürokratie schien hier noch nicht der Vergangenheit anzugehören. Auch wir durften viel schreiben, und nachdem wir die deklaratsya ausgefüllt hatten, und unser gesamtes Gepäck durchleuchtet worden war, erhielten wir den schtamp und wurden entlassen. Im turkmenischen Serahs wechselten wir Manat und sahen uns erst einmal satt an den wunderschönen, grossen turkmenischen Frauen. In bunt geblümten, langen Röcken gingen sie elegant an uns vorbei, die langen, schwarzen Haare unter ein buntes Tuch gebunden oder in Zöpfen auf den Rücken fallen gelassen, lachten sie uns zu und ihre Goldzähne blinkten im grellen Sonnenlicht. Welch ein wohltuender Anblick nach den unzähligen schwarz verhüllten Wesen im Iran. Auch ich entledigte mich ein für alle Mal meines Kopftuches. Mein langärmliges Hemd allerdings trug ich weiterhin, denn die Sonne brannte zu stark auf meiner Haut. 

wo gibt´s denn hier Schatten?
Mit 20 Liter Wasser im Gepäck machten wir uns auf den Weg in die Karakum Wüste. Das nächste Dorf lag 95 km weit entfernt, also mussten wir uns ein wenig beeilen, um vor Sonnenuntergang da zu sein. Gar nicht so einfach - die Strasse war voller Schlaglöcher und der Wind blies aus der falschen Richtung (was gar nicht so unangenehm ist bei 45°C an der prallen Sonne). Um die Mittagszeit versuchten wir unsere Zeltplane aufzuspannen um etwas Schatten zu kriegen, doch der Wind machte unseren Plan zunichte. Nachdem wir gegessen hatten, fuhren wir gleich weiter und fanden bald einen Strommasten, der exakt eine Mättelibreite Schatten spendete. Genug für uns um der grössten Hitze zu entkommen. Von vier bis acht Uhr fuhren wir schliesslich die restlichen 60 km (fanden 18 km vor dem Dorf sogar noch einen kleinen Kiosk mit kühlem Coca Cola) und erreichten erschöpft Hauz-Han, wo wir in einem Restaurant assen und übernachten durften. 

Nebenstrasse
Morgens um 05:30 auf der "A1"
Um vier Uhr in der Früh standen wir auf, assen unser Müesli und waren kurz vor Sonnenaufgang wieder auf der Strasse. Die Fahrt auf der Turkmenischen "A1" verlief alles andere als geschmeidig: Bei Gegenwind mussten wir Schlaglöchern ausweichen, Teerwälle umfahren und uns vor vorbeidonnernden Lastwagen in Sicherheit bringen. Halt machten wir nur um Wasser nachzufüllen und Kamele zu fotografieren. In der Gegend um Mary wurde das Klima etwas angenehmer. Durch die Landwirtschaft und die Bewässerung war die Luft ein paar Grad kühler, was das Fahren etwas angenehmer machte. Wir staunten über die Prachtbauten in Mary (jede einzelne geschmückt mit dem Konterfei des Ex-Präsidenten Nyazov), deren Errichtung wohl Millionen gekostet hatten. Wir fanden nicht heraus, wozu diese benutzt wurden - Menschen sahen wir nie heraus oder hineingehen, kamen aber zum Schluss, dass die Regierung das Geld besser in den Strassenbau gesteckt hätte. 

camels x-ing auf der "A1"
An diesem Tag wollten wir so viel Weg wie möglich zurück legen, damit es gegen Ende unseres 5-Tage Transit Visums nicht plötzlich eng wurde. Die Landwirtschaftszone machte langsam aber sicher der riesigen Karakum Wüste Platz und die Temperaturen stiegen bereits wieder ins Unerträgliche, als Domi plötzlich hinter den nächsten Wüstenbusch rannte - Durchfall. Eigentlich hatten wir ja damit erst in Usbekistan gerechnet! Und Turkmenistan war nun wirklich der letzte Ort, wo wir unnötig aufgehalten werden wollten. Vielleicht die Hitze, dachten wir, doch Domi blieb immer öfters hinter mir zurück, was ganz und gar untypisch war. Es ging ihm immer schlechter, und als er sich am Strassenrand erbrach, war mir klar - jetzt hatten wir ein Problem. Glücklicherweise waren es nur noch zwei Kilometer bis zum Kaffee in Zahmet, wo wir übernachten wollten. "Nach dem zweiten Polizeiposten rechts" wussten wir von früheren Beschreibungen, dort musste es sein. Doch das Haus da machte einen ziemlich verlassenen Eindruck. Die Strasse runter kam wiederum nur noch Wüste, und Domi ging es immer schlechter. Wir fuhren zum Haus, und da plötzlich bewegte sich ein Vorhang. Es war jemand da! Ein Junge öffnete die Tür, und wir fragten, ob wir hier essen und schlafen könnten. "Da, da, moshne" war die Antwort, ja klar, ihr dürft! Domi legte sich gleich hin, und ich räumte unsere sieben Sachen ins Zimmer des kleinen Motels. Als ich für Domi das Fieberthermometer aus meinen Taschen kramte, stellte ich mit Schrecken fest, dass dieses ausgelaufen war. Nicht so sehr, weil ich nicht Fieber messen konnte, denn dies ging zur Not auch mit der Handfläche. Nein, es war das alte Thermometer, das Domi noch aus Kuba hatte - vormals gefüllt mit Quecksilber. Zwischen unserem Verbandsmaterial rollten nun kleine, silbrige Kügelchen umher. Ich wollte gar nicht wissen, wie heiss es in den Taschen geworden sein musste, damit ein Thermometer platzen kann und reinigte vorsichtig unsere Verbandskiste. Am nächsten Morgen ging es Domi schon deutlich besser, aber er war noch zu schwach um durch die Wüste zu fahren. Wir entschieden uns einen Lastwagen anzuhalten und unsere Velos zu verladen, denn Zeit um den Käfer auszukurieren hatten wir aufgrund des Visums nicht. Doch dies schien schwieriger als erwartet. Jeder der anhielt, winkte ab. Dies sei viel zu gefährlich, man müsste bei der Polizei Busse bezahlen oder man käme gar ins Gefängnis, wenn man Touristen transportieren würde. Auch der einzige Taxifahrer in der Gegend war uns nicht so geheuer, und er wollte erst am nächsten Tag um Fünf Uhr nachmittags nach Turkmenabat los fahren, für 80 Dollar, wovon er wohl den grössten Teil bei der Polizei abgeben musste. Schliesslich hatte einer der Angestellten eine Idee: Wir sollten doch direkt zum Polizeiposten um die Ecke gehen, und ihn fragen, ob er für uns einen Wagen anhalten könnte, vielleicht liess er ja mit sich reden. Der Junge vom Kaffee kam mit uns als Dolmetscher. Domi machte nochmals einen besonders kranken Eindruck und siehe da, der Polizist - dein Freund und Helfer - willigte ein. Nun mussten wir nur noch auf einen grosses Auto hoffen, das in Richtung Turkmenabat unterwegs war. Und in solchen Momenten beginnt man dann zu Zweifeln, ob da nicht doch vielleicht jemand seine Hand im Spiel hat: Das erste Auto, welches uns über die Brücke entgegenfuhr, war ein grosser Reisecar, notabene der erste, den wir in Turkmenistan gesehen hatten, angeschrieben mit der Destination Turkmenabat. Mit ernster Miene hielt der Polizist den Car an, sprach kurz mit den Fahrern, welche uns schliesslich zu sich her winkten. Und dann ging alles plötzlich sehr schnell. Unsere Velos und das Gepäck wurden verstaut, und wir durften einsteigen. Turkmenische Reisende freuten sich über die Abwechslung und uns wurde auf den besten Sitzen Platz gemacht. Im angenehm klimatisierten Car schwebten wir über die Holperpiste durch die brütende Hitze der Karakum Wüste nach Turkmenabat.

kuchnya na gastinitsye - Hotelküche
Wir kamen praktisch gleichzeitig mit den Schweizer Tourenradfahrern Fabienne und Ruedi, die uns schon längere Zeit auf unserem blog verfolgt hatten, an. Auch Mike und Lisa schienen kurz vor uns angekommen zu sein, denn ihre Räder standen ebenfalls im Eingang des Hotels. Der Ambulanzwagen neben uns war uns erst gar nicht aufgefallen, bis plötzlich die Tür des Hotels aufging und der Fahrer der Ambulanz mit Mike, der kaum noch bei Bewusstsein war, die Treppe runter gehen wollte. Wir rannten sofort hin, und halfen ihm Mike, der vor Fieber glühte, zum Krankenwagen zu tragen. Wir wussten nicht, ob er uns überhaupt noch wieder erkannte, und Lisa, die etwas später tränenüberströmt aus dem Hotel kam, wusste auch nicht, was los war, er sei gerade eben zusammengebrochen. Sie setzte sich zu Mike in die Ambulanz, und die beiden wurden, begleitet von zwei Krankenschwestern in Häubchen im 50er Jahre Stil, weggefahren. Wir blieben mit einem flauen Gefühl im Magen zurück. Nach dem Abendessen sagte mir die Rezeptionistin, dass die beiden bereits wieder zurück im Hotel seien. Ich traute meinen Ohren nicht, denn in dem Zustand, in dem wir Mike zuvor gesehen hatten, konnte es unmöglich sein, dass es ihm jetzt schon wieder gut ging. Ich suchte sie in ihrem Zimmer auf, und fand eine verzweifelte Lisa und Mike, der vor Schwäche kaum mehr sprechen konnte vor. Sein Zustand hätte sich plötzlich wieder zusehends verschlechtert, doch in dieses Spital zurück wolle er nicht mehr. Fieber hatte er zum Glück keines mehr, und ich riet ihm genügend zu trinken und zu schlafen, und Lisa uns zu wecken, wenn sich sein Zustand noch mehr verschlimmern sollte. Um sechs Uhr morgens stand Lisa vor unserer Tür. Mike hatte zwar kein Fieber mehr, aber war immer noch extrem Schwach und die arme Lisa hatte mittlerweile selbst Fieber, Erbrechen und Durchfall. 
vanaya - Badezimmer
Die beiden Häufchen Elend lagen in ihren Hotelbetten, und ihr Turkmenistan-Visum lief an diesem Tag aus. Fabienne und Ruedi, deren Visum noch vier Tage gültig war, und wir, die wir noch einen Tag länger in Turkmenistan bleiben konnten, hielten Krisensitzung. Die beiden hatten bereits versucht ihre Reiseversicherung zu kontaktieren - erfolglos. Kein Telefon in der näheren Umgebung konnte für Auslandgespräche verwendet werden. Nachdem wir sahen, dass Mike immer noch zu schwach war, um selbständig zu stehen, war uns klar, dass es zu gefährlich war, ihn in dieser Hitze mit dem Taxi über die Grenze zu bringen. Wir befanden, dass er noch einmal zurück ins Spital musste - Visum hin oder her. Während Fabienne und Ruedi sich um Fahrräder und Gepäck der beiden kümmerten (wir mussten alle das Hotel wechseln, denn es wurde eine hohe Delegation aus Ashgabat erwartet), begleiteten Domi und ich die beiden, die vom Notfallarzt gleich eine Spritze in den Allerwertesten kriegten, mit der Ambulanz ins Spital. Da angekommen, wussten wir schlagartig, weshalb die beiden gestern so rasch wieder ins Hotel wollten. In der Notfallaufnahme (Büro mit Tisch, Stuhl, Telefon und Pritsche) musste sich Mike hinlegen, worauf ihm ein "Arzt" ein bisschen auf dem Bauch rum drückte, forsch auf Russisch Fragen stellte und viel zu schreiben hatte. Er wollte wissen, was Mike zuvor gegessen hatte, und nachdem wir ihm zwei, drei Sachen aufgezählt hatten, winkte er ab, das sei genug (Hauptsache er hatte wieder etwas aufzuschreiben). Die Schreiberei dauerte und dauerte, und um Mike und Lisa kümmerten sich hauptsächlich wir. Der "Arzt" sprach die längste Zeit von Geld, und wir verstanden nicht oder wollten nicht verstehen, was er meinte. Endlich kam eine Krankenschwester, die hilfsbereit aussah. Sie war stolz auf uns, dass wir den korrupten Arzt nicht schmierten und begleitete Domi mit Mike ins Gebäude Fünf, wo dieser in ein Krankenbett gelegt wurde. Ich blieb mit Lisa, der es bereits viel besser ging als am Morgen zurück in der Notfallaufnahme und wir warteten geduldig bis alle anderen Patienten aufgenommen worden waren und der "Arzt" Zeit hatte sich um Lisa zu "kümmern". Auch ihr drückte er ein bisschen auf dem Bauch herum, und nach 15 Minuten Formular ausfüllen, drückte er der Schwester einen Fresszettel in die Hand, und wir wurden nun ebenfalls ins Gebäude Fünf beordert. Die Schwester gab mir den Fresszettel und schickte mich in die Apotheke - es war das Rezept für Lisa. Neben Antibiotika, Spasmolytika, Verdauungsenzymen, Metamizol und Paracetamol, standen da auch Glucose-Lösung, Ringerlactatlösung, NaCl-Lösung und diverse Elektrolyte zur Infusion. Erst jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich zupfte an Mikes Haut, die überhaupt nicht mehr elastisch war, und fragte ihn, wie oft er in der letzten Zeit zur Toilette ging. In den letzten fünf Tagen vielleicht so einmal pro 24 Stunden flüsterte er. Ich fragte weiter, und fand heraus, dass die beiden in den fünf Tagen Wüste je 5 Liter Wasser pro Tag tranken. Weniger als die Hälfte von dem was Domi und ich pro Tag in uns hineinschütteten. Mike war derjenige, der dringendst eine Infusion benötigte! Er war offensichtlich dehydriert und trinken alleine reichte nicht mehr aus. Ich wandte mich an die nette Schwester und wollte ihr meine Vermutung erklären. "Njet! Eta devotchkih!" Nein! Dies sei für das Mädchen bestimmt. Er hätte ein anderes Rezept. Tatsächlich - ihm wurden neben Antibiotika auch Novokain, Diphenhydramin und Vitamin C verschrieben. Ich versuchte den Schwestern klar zu machen, dass hier offensichtlich ein Irrtum vorliegen musste und das Mike dringendst eine Infusion benötigte. Nach mehreren energischen "Njet" nun meinerseits, brachten mich die Schwestern zu einer jungen Ärztin. Ich versuchte ihr ebenfalls zu erklären, was ich über Mikes Zustand dachte, und hoffte, dass sich endlich eine kompetente Person um ihn kümmern würde. Die Ärztin nickte nur und schrieb wieder einen Fresszettel, ohne sich Mike anzuschauen. Nun wurde ihm aber endlich eine Infusion gesteckt. Ich hoffte, dass ich keinen Fehler gemacht hatte, denn in diesem Puppenspiel, in dem es um Mikes Gesundheit ging, hatte ich plötzlich viel zu viel Verantwortung für meine beschränkten diagnostischen Fähigkeiten. Ausserdem kannte man in diesem Spital Hygiene nur gerade dem Namen nach. Während wir im Notfallbüro auf keinen Fall etwas essen durften, wurden hier Spritze und Nadel auf den Tisch neben das Teller mit Wassermelone gelegt, auf der bereits Fliegen ihre Eier legten. Injektionsampullen wurden offen stehen gelassen, weil im  Nebenzimmer noch rasch was anderes erledigt werden musste. Nach dem dritten Versuch war die Nadel endlich in Mikes Vene. Die Schwester räumte noch Abfall weg, als ich sie fragte, ob sie denn etwas hätte, um die Nadel vielleicht noch am Arm zu befestigen. Sie verschwand und kam kurze Zeit später mit zwei Streifen Scotch Klebeband zurück. Obwohl Mike schon länger kein Fieber mehr hatte, verabreichten die Schwestern ihm Antibiotika, was in diesen Umständen vielleicht gar nicht so schlecht war. 

Mr. Nyazov
Domi und ich verabschiedeten uns kurzzeitig von den beiden, um ihr Gepäck und ihre Fahrräder aus dem Hotel ins Spital zu holen. Mit ihren Velos fuhren wir durch die Stadt, in der sich Prunkbauten an Prunkbauten reihten und in der alles auf den ersten Blick sauber und schön aussah, die aber die schreckliche Realität hinter ihrer Fassade verbarg. Menschen sahen wir kaum in den Strassen, alles wirkte seltsam leer und verlassen. Hier wurde nicht gelebt. Als wir wieder im Spital zurück waren, war die Infusion aus Mikes Arm verschwunden. Immerhin hatte er inzwischen "the longest pee in his life". Auch etwas Nudelsuppe und Babybrei, den wir ihm aus dem kleinen Laden vor dem Spital geholt hatten, hatte er inzwischen gegessen. Lisa hatte aufgepasst, dass er kontinuierlich Flüssigkeit zu sich nahm. Trotzdem war er noch immer zu schwach, um längere Zeit aufrecht zu sitzen. Nach erneutem Nachfragen bei den Schwestern, kam endlich ein Arzt, der zum ersten Mal einen bemühten Eindruck machte und der mir mithilfe meines Russisch Reisesprachführers Fragen zu Mikes Befinden stellte. Ich übersetzte und vergewisserte mich, dass Mike noch einmal eine Infusion kriegen würde. "Moshet biht zavtra" - Vielleicht morgen. Er verschrieb ihm Ayran und meinte er solle halt viel trinken und verschwand auch schon wieder. Mikes Zustand hatte sich seit gestern etwas verbessert, doch er war noch weit davon entfernt transportierfähig zu sein. Lisa würde der Magen-Darm Infekt wohl noch an diesem Tag etwas quälen, doch sie schien bereits wieder auf dem Weg zur Besserung. Da unser Visum am nächsten Tag ablief und wir morgens um sechs Uhr in Richtung Grenze losfahren wollten, mussten Domi und ich die Beiden wider Willen ihrem Schicksal überlassen. Für uns würde man an der Grenze kein Pardon kennen, wenn wir sie zu spät erreichten. Wir rieten den Beiden dringendst über die Botschaft eines befreundeten Landes mit ihrer Versicherung Kontakt aufzunehmen, versicherten uns, dass ihnen die Ärzte einen medizinischen Attest ausstellten und verabschiedeten uns von ihnen, in der Hoffnung, möglichst bald eine positive Nachricht von ihnen zu hören...

goldiges Lachen
So machten Fabienne, Ruedi und wir uns am nächsten Morgen auf den Weg und fuhren los, um möglichst rasch aus diesem Land, dessen Bürger Marionetten eines allgegenwärtigen Kontrollapparates zu sein schienen, zu entkommen. In gedämpfter Stimmung konnten wir aufatmen, als wir endlich die Usbekische Grenzkontrolle hinter uns gelassen hatten. Das Schicksal der beiden Radler hackte sich in unsere Hinterköpfe und würde uns wohl für den Rest der Reise begleiten. Um die Mittagszeit machten wir in Olot beim Bozor (Markt) halt, erfrischten uns an einer Wassermelone und genossen erstmals wieder den Anblick einer lebendigen Dorfgemeinschaft - welch ein Gegensatz zur surrealen turkmenischen Fassadenwelt! Zwischen Gemüse- und Früchteständen wuselte es nur so von Menschen, uns wurde Brot zum Kauf angeboten, eine Usbekische Dame rief uns von ihrer Terrasse zu sich hinauf, um uns zu bewirten, Frauen posierten lachend vor unseren Kameras und mit einem Grinsen im Gesicht wurde Domi gepanschtes Coca Cola verkauft. Alles war gut, nur ich rannte zur Toilette: Durchfall - Zentralasien hatte auch mich erreicht. 
schon wieder Taxi...
So fuhren wir noch zehn Kilometer ins nächste Kaff, wo wir ein Taxi nahmen ins Hotel, welches leider 60 km entfernt in Bukhara lag. Wir schwörten uns, dass dies das letzte Taxi sein sollte und liessen uns in ein gemütliches Hotel chauffieren, wo wir uns entschlossen ein paar Tage zu ruhen, um Krankheiten auszukurieren und um die vergangenen Tage zu verarbeiten.

Kommentare:

  1. Wenn Janine schreibt, kann es ihr nicht schlecht gehen, denke ich...
    Doch das Lesen eures letzten Kapitels eurer Reisegeschichte macht mich nachdenklich: Was ist risikoreicher, auf den Himalaja zu steigen oder mit dem Velo durch ultraheisse Wüstengegenden zu radeln?
    An Grenzen zu stossen,ist eine Herausforderung für junge Leute. Schaut gut zueinander und nochmals supergute Schutzengel wünscht euch
    Elisabeth

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  2. Hallo Janie, ich bin ganz schön stolz auf dich! Bitte gebt auch auf euch selbst gut acht! E liebe Gruess, Paps

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  3. Hallo zäme
    Ich hoffe die nächste Episode wird wieder etwas weniger spannend zu lesen... ;)
    Passt gut auf euch auf.
    Pascale

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  4. helööööööööööös,
    voll kacke die versorgig ;-)
    no ä chline tipp für kyrgistan. eifach sägä, Dir findet dr Talant Dujshebaev super. de finde d lüt o euch super. au lait.
    chrigu

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  5. spannender als ein krimi - häbet sorg!
    fäbe

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  6. hi J and D
    very hard days in turkamanistan! I hope the rest of trip would be enough enjoy full for you,
    so you were nursing and doctoring in turkmanistan!
    lucky Dominic that have you there! say him it is normal for a man in his age can not tollerate sucj a long journey!!!lol
    I am following you eagerly via your blog
    ps: what you eat in Naghshe jahan restaurant was Kashk-e- Bademjan (not Khoreshte badimjan), the desert name was Khoresht mast( means stew of yoghourt)
    nice days and nice trip!
    Ali- Isfahan

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  7. hallo zäme,
    nach däm itrag hani auso grad ziemlech durscht übercho!!!hoffe dir heit jetz ganz viu chraft chönne tanke für witeri kilometer hinger nech z'bringe,.
    machets witerhin so guet!

    mpf nic

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  8. Neuigkeiten aus Bukhara: Wir haben Mike und Lisa (deren Namen wir übrigens geändert hatten) wieder getroffen. Beide wohlauf. Nach etlichen zusätzlichen Infusionen für Mike wurden die beiden aus dem Spital entlassen. Doch kein medizinischer Attest nützte ihnen: Sie hielten sich über 4 Tage illegal in Turkmenistan auf und mussten dafür 900 USD Strafe bezahlen. Ein anderer Reisender, den wir getroffen haben und der sein Ausreisedatum aus anderen Gründen verpasst hatte, verweigerte die Geldstrafe und wurde von den Behörden deportiert - nach Usbekistan. Einziger Nachteil: Er darf ein ganzes Jahr lang nicht mehr nach Turkmenistan einreisen... Wie ärgerlich!

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    1. donnerwetter. isch dört dr rächt flügu vor svp ar macht. vou usländerfiindläch!
      hiube!
      Chrigu

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  9. Margrit und Franz9. Juli 2012 um 09:59

    Endlich sind auch wir auf dem Laufenden. In den
    Ferien ist es manchmal nicht ganz einfach...Nachtraeglich sind wir tief beeindruckt von Gefahren, Strapazen aber vor allem davon, wie ihr sie gemeistert habt. Wir sind sehr stolz darauf, wie ihr den andern geholfen habt und sind natuerlich sehr froh darueber, dass es ihnen wieder besser geht. Janine, das war eine medizinische Hoechstleistung! Noch froher sind wir, wenn es euch beiden gut geht. Wir denken sehr viel an euch und hoffen einfach, dass die guten Geister euch weiterhin gut gesonnen sind. (Franz wuenscht zusaetzlich gute Kanalisation...)
    Herzliche Gruesse FM

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  10. Hey zämmä,

    stellet euch vor was mach letscht Wuche beko händ? e Poschkarte:-D mir bedanke uns ganz härzlichscht defür und freue und scho uf die nächschte Biträg.

    liebe gruess

    Steffi und Christian

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