Montag, 30. Juli 2012

Lost in Tadjikistan

Abkühlung im Bergbach
Erste Passstrasse

Mit zweieinhalb Kilogramm Studentenfutter, sechs Packungen Noodle-Soup und acht Familienpackungen Kartoffelpüree im Gepäck, fuhren wir endlich los ins abgelegenste Gebiet Tadschikistans - das Pamir Gebirge. Mit jedem gefahrenen Meter hinauf in die Höhe würden auch die Temperaturen etwas angenehmer werden. Wir freuten uns auch schon lange darauf, unsere Schlafsäcke mal endlich wieder auspacken zu können. Also stellten wir unsere Wecker hoffentlich ein letztes Mal auf unmenschliche fünf Uhr, frühstückten ausgiebig und fuhren los. Wir wählten die südliche Route nach Khorog, unserem ersten Zwischenziel, daher führte uns die heutige Etappe über zwei Pässe. Anstrengend zwar, aber etwas Training für die kommenden Viertausender konnte ja nicht schaden.


Abkühlung für Meitli...
(ohne männliche tadschikische
Zuschauer wäre ich auch reingehüpft!)
Frisches Fleisch!

Die Temperaturen waren immer noch viel zu hoch um das Radfahren richtig geniessen zu können. Umso mehr freuten wir uns zur Mittagspause über den kühlen Vaksh Fluss. Sogar Domi, der ziemlich resistent gegen die Hitze scheint, hüpfte ins kalte Nass, obwohl mein Münchner Kühlschrankthermometer erfrischende 16°C anzeigte. Dank der Badepause konnten sich unsere Muskeln regenerieren und wir fühlten uns fit genug, gleich noch den zweiten Pass anzuhängen. Die Strecke war wunderschön, zumal alle Autos durch den neu gebauten Tunnel fuhren - und wir hatten dementsprechend die Strasse für uns. Nur ab und zu teilten wir sie mit ein paar Ziegen und "Fettfüdlischafen". 

Auf der zweiten Passstrasse
Vaksh-Fluss
Leider gab es auf dem Pass kein Wasser, so mussten wir wohl oder übel die Höhenmeter gleich wieder vernichten. Doch bald wurden wir mit einem wunderschönen Panorama belohnt: Die märchenhafte Landschaft rund um der Norak Stausee lag vor uns, beleuchtet in schönstem Abendlicht. Ruedi "bestellte" für uns ein Zeltplätzchen mit Blick auf den See, und kurz vor Sonnenuntergang hatten wir dieses perfekte Plätzchen gefunden: Ein paar junge Tadschiken boten uns in einem verlassenen Choykhona einen Platz zum Schlafen auf ihrem tapchan (Tischbettstuhl oder so) an, lasen noch ein paar Äpfel und Aprikosen für uns und verschwanden auf ihren Eseln ins nahe gelegene Dörfchen. 

Aussicht auf den Norak-Stausee

Der Esel ist ein Lasttier
Norak Stausee am Morgen
Am Morgen waren unsere Beine genügend erholt für die nächste Etappe, doch Ruedi hatte Ärger mit seiner Verdauung. So fuhren Domi und ich alleine los, um vor dem Abend in Kulob zu sein, während Ruedi und Fabienne in Dangara ein Taxi organisierten -  was uns schliesslich auch zu Gute kam, denn die beiden überholten uns genau zu dem Zeitpunkt, als wir uns durch die Hitze kämpften und ein kühles Cola dringend nötig hatten. Erfrischt setzten wir unsere Fahrt fort, winkten den Kindern am Wegrand und fielen fast vom Rad als eine handtellergrosse, orangefarbene Spinne in Angriffsstellung vor unseren Vorderrädern auftauchte. Domi schrie, ich eine Zehntelsekunde später ebenfalls und wir strampelten mit zusammengekniffenen Füdlibacken so schnell wie möglich an ihr vorbei. Zur Mittagspause fanden wir wieder einen Fluss zum Abkühlen, und so waren die restlichen Kilometer bis nach Kulob keine grosse Sache mehr. Wir fanden ein günstiges Hotel und trafen uns mit Fabienne (Ruedi ging es noch nicht besser) zum Znacht. Es ist nicht einfach, ein gutes Restaurant zu finden in einem muslimischen Land im Ramadan-Monat. Wir fragten etwas herum und landeten schliesslich in einer üblen Spelunke, in der es zur Vorspeise Würstchen mit Ketchup und Mayo und zur Hauptspeise gekochtes Hühnchen und Brot gab. Wir spülten den Frass runter mit lauwarmem Bier, während ein roter Kater neben uns ans Tischbein pisste. Fabienne und Ruedi entschieden sich, alle Käfer in Kulob richtig auszukurieren, während Domi und ich am nächsten Morgen den dritten und letzten Pass auf dem Weg ins Pamir Gebirge in Angriff nahmen. 



Erst eine Runde fahren, dann registrieren...
Dritte Pass-"strasse"
Ein letztes Mal wurde es so richtig heiss am Berghang, doch schon bald wurden wir mit einer abenteuerlichen Abfahrt hinunter ins Panj-Tal und dem ersten Blick hinüber nach Afghanistan belohnt. Es war ein spezielles Gefühl auf der sicheren Seite Tadschikistans zu sein, und hinüber zu schauen zu den afghanischen Lehmdörfchen, die so paradiesisch aussahen mit den klaren, lebenspendenden Bergbächen und Wasserfällen daneben, die eine Bewirtschaftung dieser sonst so kargen und felsigen Gegend erst möglich machten. Mehr als einmal wünschten wir uns auf die andere Seite hinüber, wo es viel bessere, grüne Zeltplätze zu haben schien. Auf dem Weg dort drüben zu fahren, wäre allerdings ein zu halsbrecherisches Unterfangen geworden, denn ein paar hundert Meter nach den Dörfchen verwandelte der sich Weg jeweils in einen Trampelpfad, der über steile Geröllhalden führte, dann wieder gefährlich hoch über dem Fluss in die Felsen geschlagen war und zuweilen ganz im Fluss verschwand um zwei, drei Meter weiter vorne wieder aufzutauchen. Trotzdem beobachteten wir hie und da Bauern, die mit ihren mit Heu oder Brennholz bepackten Eseln vom einen ins nächste Dörfchen unterwegs waren.
Starke Jungs


Im Panj-Tal
Iranischer Strassenbau
Eigentlich durften wir uns nicht beklagen, denn auch unsere Seite des Flusses bot alles, was wir brauchten - ein Zeltplätzchen an einem Bergbach mit einem "Pool" gefüllt mit sonnengewärmtem Wasser, ein Choykhona in Mitten von Obstbäumen genau zum richtigen Zeitpunkt als ein Gewitter auftauchte und wir ein Mittagessen brauchten, und 20 km neuster Asphalt, als unsere Muskulatur und unsere Köpfe von der steinigen Rumpelpiste zuvor bereits erste Ermüdungsanzeichen zeigten. 

bevölkertes Afghanisches Dorf
verlassenes Afghanisches Dorf
Wir mussten unsere Ansprüche an die zu erreichenden Tagesdistanzen etwas zurückschrauben, denn der Pamir sollte nicht nur anspruchsvoll werden wegen der Höhe, sondern auch wegen seiner berühmt-berüchtigten schlechten Strassen. So blieben wir auch lockerer als manch ein Tadschike, als die iranischen Strassenarbeiter (Iranische und Türkische Bauarbeiter bauen im Panj-Tal unterschiedliche Strassenabschnitte aus, um einen effizienteren Transport zu ermöglichen. Momentan braucht man mit einem Geländewagen um 400 km zurückzulegen rund 10 Stunden.) einen Strassenabschnitt für zwei Stunden blockierten um gefährliche Felsvorsprünge zu beseitigen. Nach etlichen Kilometern entlang des Panj-Flusses gelangten wir endlich zum Polizeiposten, der uns entweder in die autonome Provinz Gorno-Badakhshon einlassen oder uns zurückweisen würde, weil wir "nur" einen GBAO-Stempel der tadschikischen Botschaft in Ankara im Pass hatten. Die meisten anderen Touristen holten sich in Dushanbe bei der OVIR eine Liste, die genau bestimmte, wo man hin durfte und wo nicht. Wir waren gespannt. 

Langweilig wurde es nie
Im Homestay
Zur Ablenkung unterhielt ich mich ein bisschen mit dem Offizier in gebrochenem Russisch, erklärte ihm, dass ich auch mit 31 Jahren wirklich noch keine Kinder hatte, stimmte ihm zu, dass die Schweiz sich von Tadschikistan vor allem dadurch unterscheidet, dass bei uns meistens schlechtes Wetter ist, und erhielt die Pässe mit einem "fsyo kharasho" zurück. Das war also geschafft. Der Offizier fragte noch, ob wir nach Khorog wollten und schlug seine Fäuste gegeneinander. Ich bejahte und er schaute mich lange an, und sagte dann "ok, ok, dawai, dawai", kein Problem, geht jetzt. Bei unseren Fahrrädern lungerte noch ein anderer Soldat herum und ich fragte ihn, was denn in Khorog los sei. Ob ich denn keine Information hätte? fragte er mich. "Nein, ich bitte darum!" erwiderte ich, doch er wies mich an weiterzufahren, mit "byesproblyema". Kein Problem. Also fuhren wir weiter. 

Auf dem Weg nach Khorog
In Kalai Khum, der nächsten grösseren Ortschaft assen wir in einem (geöffneten - juhu!) Restaurant einen Imbiss (Eine Schüssel Borschtsch und Schaschlik mit Brot), als sich französische Touristen an den Tisch neben uns setzten. Sie waren mit einem Guide unterwegs und wir fragten sie, ob sie irgendwelche Informationen zu Khorog hatten. Der Guide berichtete uns, dass ein hoher General des tadschikischen Geheimdienstes zwei Tage zuvor erstochen worden sei, und dass es infolge dessen zu Unruhen gekommen sei. Die Strasse nach Khorog sei gesperrt gewesen, doch nun bereits wieder geöffnet. Alles sei wieder beim Alten. Beruhigt setzten wir unsere Fahrt fort. Nach ein paar Kilometern kam uns ein weisser Land Rover entgegen und hielt neben uns an. Ein Mitarbeiter der deutschen Entwicklungshilfe stieg aus und erklärte uns, dass es zu Schiessereien in Khorog gekommen sei und bereits 25 Tote gezählt worden seien. Es sei absolut zu vermeiden, momentan in diese Stadt zu fahren. Falls wir nach Kirgisien weiterreisen wollten, bliebe uns noch die Möglichkeit bei Rujan ins unwegsame Barthang-Tal abzubiegen, doch dort würden wir wahrscheinlich aufgrund der schlechten Strassen mit dem Fahrrad an unsere Grenzen kommen. Dies sei momentan noch die einzige Alternative zum restlichen Pamir. 

Afghanische Strasse
Wir schluckten leer, und fuhren weiter ins nächste Homestay, wo wir unsere Lage überdenken wollten. Bei frischen Äpfeln, Aprikosen, Choy und Fleischsuppe studierten wir unsere Karten. Rujan war relativ weit weg von Khorog, und wir hatten noch genügend Essen dabei, um ein Fahrradtrekking durchs Barthang-Tal zu wagen, also brachen wir am Morgen auf und fuhren weiter. Bald fiel uns auf, dass wir die einzigen unterwegs waren, die in Richtung Khorog fuhren. Alle Lastwagen kamen uns entgegen und überkreuzten ihre Arme beim Vorbeifahren (ja, Lastwagenfahrer können freihändig fahren - auch bei ultraschlechten, schmalen Strassen mit Abgrund) oder deuteten ein Gewehr an. Manche Lastwagenfahrer hielten auch an, und informierten uns über die Lage. Die Anzahl der Toten in Khorog nahm ständig zu und die Strasse nach Khorog schien erneut geschlossen worden zu sein. Vertieft in Gedanken fuhren wir immer weiter entlang des Panj-Flusses, und bemerkten nicht, dass über den afghanischen Bergen dunkle Wolken aufzogen. Wir passierten einen weiteren Polizeiposten und wurden nur wieder durchgewinkt. Uns beschlich je länger je mehr ein ungutes Gefühl. Auch dem immer stärker werdenden Wind entgegen zu halten wurde schwieriger, doch wir wollten es mindestens noch bis zum nächsten Polizeiposten schaffen, und uns noch einmal richtig erkundigen. Beim Vanj-Tal wurden wir dann wie immer ordentlich registriert - und durchgewinkt. Misstrauisch fragte ich auch diesen Offizier noch einmal, und während er mir versicherte, dass alles gut sei in Khorog, kam Chris hereingestürmt - ein Westschweizer Solo-Radfahrer, der bereits 15 Monate unterwegs war, und offensichtlich ganz andere Informationen hatte als der Polizist. Er wusste, dass es bereits zu weiteren Schiessereien gekommen sei in Vozn, einem kleinen Dörfchen zwischen Rujan und Khorog. Wir setzten uns zusammen ins benachbarte Choykhona, um dem aufkommenden Gewitter zu entfliehen und um die Lage zu besprechen. Auch Marta und Jabi, zwei baskische Radfahrer, sowie zwei Schweiz-Holländische Motorradfahrer gesellten sich später zu uns. Versuche, uns mit der Schweizer Botschaft in Dushanbe in Verbindung zu setzen, blieben erfolglos, denn die Regierung hatte das Telefonnetz rund um Khorog ausgeschaltet.
Mittlerweile wütete draussen ein afghanischer Sandsturm, doch eilig hatten wir es sowieso nicht mehr. Die Zeit verstrich, während wir diskutierten, als plötzlich ein Fahrzeug auftauchte und eine Truppe tadschikischer, bis an die Zähne bewaffneter Polizisten ausstieg. Chris schien den einen bereits früher am Tag getroffen zu haben und wir gingen zu ihnen hinüber, um uns über die Lage zu erkundigen. Was wir hörten, gefiel uns ganz und gar nicht: Es sei nun auch zu Schiessereien in Rujan gekommen, dem Dorf, welches Eingangs des Barthang-Tals lag, und welches wir durchqueren wollten. Auch in Khorog, woher die Polizisten kamen, hätte es auch an diesem Tag noch Schiessereien gegeben. Mehrere hundert Tote bisher. Der gesprächigste unter ihnen hätte heute bereits fünf Taliban (Taliban!!????) erschossen; das sei gut, denn in Dushanbe würde er für jeden toten Taliban eine beachtliche Summe Geld erhalten. Und das Blut an seinen Hosen war das seines Freundes, den er heute aus dem Schussfeld gerettet hatte. Die ganze Situation war surreal: Menschen, die eben noch andere Menschen erschossen hatten, standen nun hier Adrenalingeladen vor uns, machten Witze und liessen sich stolz fotografieren. Wir beendeten unsere Gespräche bald, lächelten nett und winkten und machten rechts um Kehrt. Da wo bewaffnete Truppen sind, könnten auch bald bewaffnete Taliban sein, und wie die mit Touristen umgehen, an das wollten wir gar nicht denken. 
Der Sturm hatte mittlerweile etwas nachgelassen und wir fuhren ins nächste Dorf, wo wir eine Schlafgelegenheit bei einer Familie fanden. Die netten Leute, die weder Englisch noch Russisch sprachen, bewirteten uns mit Tee, Brot, Süssigkeiten und einem Getreideeintopf und später fielen wir erschöpft in den Schlaf. Hier schien alles friedlich zu sein, während Berichten zufolge gute 100 km entfernt Leichen auf der Strasse herumlagen. Auf dem Rückweg nach Kalai Khum, wo wir erneut unsere Lage besprechen wollten, kam uns ein Konvoi von Geländefahrzeugen entgegen. In einem sass auch der deutsche Botschafter. Der Konvoi war offenbar unterwegs nach Khorog um 47 Touristen aus der Gefahrenzone zu evakuieren. Dies bestätigte uns, dass es die richtige Entscheidung gewesen war umzukehren. Wir überlegten noch, eine alternative Route nach Kirgisien zu nehmen, doch einerseits war der Grenzposten in Karamyk für Touristen offenbar geschlossen, und andererseits hatten Ellen, eine Amerikanerin und Chris´ Velo-Freundin zusammen mit Ruedi, Fabienne, Esther und Christoph, die einen Tag zuvor in Kalai Khum eingetroffen waren, für sich und uns fünf bereits Taxis nach Dushanbe reserviert. Auch der Khaburabot-Pass, über den eine alternative Route in die Hauptstadt zurückführt, war offenbar nun ebenfalls gesperrt.

Taxitransport nach Dushanbe
Also packten wir unsere Fahrräder am nächsten Morgen aufs Dach eines geländegängigen Autos und fuhren entlang der exakt gleichen Strecke, auf der wir hergeradelt waren, wieder zurück. Elf Stunden später kamen wir im Adventures´Inn an, einem Hostel welches schon überfüllt war mit gestrandeten Touristen und erhielten vom Besitzer die Botschaft, dass Khorog wieder bereisbar sei. Alles wieder normal, Markt und Läden wieder geöffnet.

Freitag, 20. Juli 2012

Usbekistan - Montezuma wütet doch in Südamerika?

Bukhara
money, money, money...
Bukhara

Bukhara
lag es daran...
In Bukhara hatten wir uns genügend Zeit genommen, unsere Batterien (psychische und physische) wieder aufzutanken, uns ans masslose usbekische Feilschen und ans mühselige Geldzählen zu gewöhnen, und um uns Gedanken zu machen, wie wir möglichst rasch der kaum erträglichen Hitze Zentralasiens entkommen konnten. Unser Tadschikisches Visum würde erst in drei Wochen beginnen, so weit war es nun aber auch nicht bis zur Grenze hinter der die rettenden Berge lagen...


auf dem Weg nach Samarkand
...oder daran?
Während Ruedi und Fabienne Jurten-Camp und Eseltrekking machten, entschlossen wir uns, per öffentlichem Verkehr 800 km nach Tashkent zu fahren (unser mitteleuropäisches Distanzgefühl hatte sich schon seit längerem verabschiedet), um unser Visaproblem dort mit dem Tadschikischen Konsul zu besprechen. Da das Wochenende nahte, und wir von Usbekistan noch nicht so viel gesehen hatten, bauten wir einen touristischen Zwischenstopp in Samarkand ein. In der Stadt Timurs des Lahmen (ein blutrünstiger Tyrann wie Dschingis Khan, nur weniger bekannt, obwohl seine Metzeleien mindestens ebenso grausam waren wie die seines mongolischen Vorgängers) liessen wir uns im wunderschönen Bed & Breakfast Antica nieder. 

Aprikosen aus dem Garten
Beim Maulbeeren pflücken
Baumwolle - Freud und Leid
Ein wahrlich antikes Zimmer mit Blick auf den mit bunten Blumen und üppigen Sträuchern geschmückten Innenhof, wo hellblau gestrichene Holzbänke unter Apfel-, Aprikosen- und Maulbeerbäumen bereitstanden, um sich darauf auszuruhen, und wo uns jeden Morgen eine reichhaltige Frühstückstafel unter dem schattenspendenden Laub von Kirsch- und Zwetschgenbäumen serviert wurde - wir fühlten uns gleichzeitig im Paradies und in einer Abbildung im Hausfrauenheftchen "Mein schöner Garten". Die vielköpfige usbekische Gastfamilie lebt hier gemeinsam mit ausländischen Touristen unter einem Dach, bzw. in diesem märchenhaften Innenhof. Wir liessen einmal mehr unsere Seele baumeln und beneideten das rüstige Grossmütterchen und das senile Grossväterchen im "Bueno Vista Social Club - Look", die hier an diesem friedlichen Ort im Schoss ihrer Familie alt werden durften. Hier trafen wir auch auf Esther und Christof, zwei weitere Schweizer Velofahrer (ja, auch von anderen Quellen haben wir erfahren, dass dieses Jahr besonders viele Schweizer mit dem Rad nach China unterwegs seien...) und tauschten Radfahrererfahrungen aus. Auch Tobias und Marianne haben wir wieder getroffen, allerdings nicht im besten gesundheitlichen Zustand. Überhaupt schien Usbekistan ausnahmslos alle Radfahrer früher oder später an den Porzellanthron (oder besser gesagt ans Erdloch - über die diversen "toilets from hell" werde ich hier aufgrund mangelnder Adjektive nicht weiter berichten) zu fesseln. Klar, fliessendes Wasser gab es in der Wüste kaum, aber dass es hier gleich jeden erwischt, damit hätten wir nicht gerechnet. Doch Esther und Christof hatten hierzu eine äusserst interessante Theorie: Die Usbekische Küche bedient sich offenbar nicht allzu selten des fetten Öls der Baumwollsamen, welches, wenn nicht entsprechend prozessiert, ausreichend grosse Mengen des toxischen Gossypols enthält, um beim Menschen Durchfall auszulösen (an die Kollegen des Instituts für pharmazeutische Biologie in Basel - gibt´s da ein Paper dazu?). 

Samarkand - Registan

Samarkand - Registan
Samarkand - Registan

Shah-i-Zinda
Türschnitzerei
Schneiderin


Wie auch immer, nach fünf Tagen Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und zunehmender Müdigkeit entschieden wir uns doch für eine Antibiotika-Kur (Ciprofloxacin gibt´s hier übrigens ohne Rezept und Beratung in jeder beliebigen Blister-Menge) und siehe da, kaum entfaltete die erste Tablette ihre Wirkung, waren wir wieder voll parat. So besuchten wir die historischen Stätten Samarkands, die von Viktor, dem verrückten Spanier (in fünf Tagen von Mashhad, wo wir ihn zum ersten Mal getroffen hatten, fuhr er durch die sengende Hitze Turkmenistans nach Bukhara - das sagt alles), treffenderweise als Disneyland bezeichnet wurden. Für das 25-fache (umgerechnet Sfr 6.50) des Preises den Usbeken bezahlen, erhielten wir einen Eintritt ins Registan - drei majestätische Mädressen, die als die ältesten noch erhaltenen (jedoch komplett renoviert) der Welt gelten. Wo früher Mathematik, Theologie, Astronomie und Philosophie gelehrt wurde, werden heute Souvenirs und Kunstgegenstände verkauft. Die Atmosphäre im Shah-i-Zinda, einer Gasse gesäumt von zahlreichen Mausoleen, wo der Cousin des Propheten Mohammeds, sowie Timur, seine Familie und seine Liebsten begraben liegen, war hingegen viel authentischer. 


Samarkand - Registan

Nach zwei Tagen Sightseeing erinnerten wir uns jedoch wieder an unser ursprüngliches Vorhaben und nahmen ein Taxi nach Tashkent, wo wir uns im Bahnhofshotel niederliessen. Auf dem hiesigen Basar füllten wir unsere Taschen und Mägen mit hausgemachtem Brot und frischen Früchten bevor wir uns zur Tadschikischen Botschaft aufmachten. Dort herrschte ein furchtbares Gedränge vor dem vergitterten Eingangstor. Wir quetschten uns zwischen geblümte Röcke und Hutzelmännchen in Filzhüten und warteten geduldig, bis wir vom Botschaftsangestellten aus der Menge gefischt wurden. Nachdem wir dem Konsul unser Problem geschildert hatten, und nachträglich das Ganze noch schwarz auf weiss dokumentiert hatten, hiess es um sechs Uhr abends wieder anzutraben. Ob wir das Visum dann erhalten würden, fragten wir ihn noch, und erhielten die typische Antwort: "Moshet biht, ili moshet nje biht" -  Vielleicht, vielleicht auch nicht. 

Hotel Uzbekistan in Tashkent

Basar in Tashkent
Basar in Tashkent









Einige Stunden später wurden wir bereits erwartet, durchquerten wieder eine Menge Filzhüte, und liessen uns erfolgreich unser Visum abändern. Wir drückten dem sichtbar erschöpften Konsul das Geld in die Hand und ein Päckchen Karamell als Energiespender dazu, und erhielten unsere Pässe und ein dankbares Lächeln zurück. Pünktlich um 8:30 fuhr am nächsten Morgen unser Zug nach Bukhara los, wo wir ebenso pünktlich um 15:20 am Bahnhof ankamen. Wir liessen die klimatisierten Taxis (20 Dollar) unbeachtet und nahmen für je 25 Rappen ein marshrutka ins Zentrum, zurück zu unserem Hotel, wo Fabienne und Ruedi nun ihrerseits mit Magen-Darm-Verstimmung auf uns warteten. Ich machte auf der Türschwelle kehrt und holte ihnen in der nächsten Dorikhona eine Ladung Antibiotika. Das Essen hier ist Russisch-Roulette vom feinsten, und die Menge Vodka, die wir durchschnittlich trinken, reicht bei weitem nicht aus, um Bakterien abzutöten.

Usbekische Bahnarbeiter
...und wieder eine Wüste!
Durstlöscher Melone
Warentransport


















Tags darauf fuhren wir gemeinsam los in Richtung Tadschikistan. Die ersten zwei Tage führte uns die Strasse durch eine trockene Wüste in fruchtbarere Gebiete, die über und über bepflanzt waren mit Baumwollsträuchern. Die grünen Plantagen sind zwar schön fürs Auge, doch im Hinterkopf drehten sich die Gedanken ständig um den kontinuierlich austrocknenden Aralsee, dessen gesamter Wasserzufluss in tausenden von Bewässerungsanlagen hier in Zentralasien versickert, und so zum ökologischen Pulverfass wurde. Zu Sowjetzeiten von Genosse Stalin so bestimmt, wurde in dieser Region nahezu die komplette Landwirtschaft auf Baumwollanbau umgestellt. Doch was in der Sowjetunion noch funktionierte, hatte für die heutigen Staaten, insbesondere für Tadschikistan, nach dem Zusammenbruch verheerende Folgen, denn von Baumwolle kann eine Bevölkerung nicht ernährt werden. 

...und Wasser!
...endlich Berge...













Die Hitze im Usbekischen Hinterland zwang uns zu einem für uns eher ungewohnten Tagesrhythmus. Um halb fünf in der Früh aus den Federn, frühstücken und spätestens um halb sieben auf dem Sattel sein - daran konnten wir uns nicht gewöhnen. Doch regelmässig stieg das Thermometer um die Mittagszeit auf unerträgliche 45°C. Dies war dann der Zeitpunkt um uns in irgend einem Choykhona wie die toten Fliegen auf eine Matratze zu legen, und die verlorenen Stunden Schlaf, so gut es bei dieser drückenden Hitze auch ging, nachzuholen. Wir wechselten uns gegenseitig ab mit Velos bewachen, was dem obligaten betrunkenen Usbeken in den Teehäusern jeweils die Möglichkeit gab, etwas zu mit uns zu plaudern. So zwischen vier und fünf Uhr nachmittags brannte die Sonne nicht mehr direkt auf uns herab, und wir konnten unsere Etappe fortsetzen.

Steinharte Ziegenkäse-Häppchen. Wenn man
die vom Polizisten in den Mund geschoben 
kriegt, hat man verloren. Sie "aus Versehen"
aus dem Mund fallen lassen bringt auch nichts - 
das Zweite folgt sofort! Einziges Mittel:
Flucht ergreifen!!!
und hopp - alle vor die Kamera!



Proviant unterwegs

Nach zwei Tagen Wüste erwarteten uns endlich Berge und mit der Höhe hofften wir auf kühlere Temperaturen - und so war es dann auch. Beim Waschen nach Sonnenuntergang auf dem Pass Oqravot wurde es so kalt, dass ich mich danach schlotternd ins Zelt stürzte und meinen Daunenschlafsack hervorkramen musste. Doch kaum schien die Sonne am nächsten Morgen wieder über die Bergkante, bildeten sich schon wieder erste Schweissränder. Nach über 600 km Flachland in der sengenden Hitze waren wir überglücklich endlich wieder etwas Höhenmeter zu vernichten. Die Gegend in den Bergen war nur wenig besiedelt und die Landschaft gewaltig. Winkende Leute und herbeirennende Kinder traten das Ihrige dazu bei, um diesen Abschnitt zu einem der schönsten der bisherigen Strecke zu machen, und unser bisher nicht so positives Urteil über Usbekistan und seine Leute hier grundlegend zu revidieren.



Steinwüste
Und da sollen wir durch!?
Morgens um halb Zehn in Denav













Während Kinder (und Erwachsene) in Europa wohl am Fussballbildchen sammeln waren, sammelten wir in Usbekistan eifrig OVIR Registrationen. Für jede Nacht mussten wir beim Otdel Vis i Registratsii registriert werden. Dies erledigte normalerweise das Hotel für uns, doch da wir im Gegensatz zu den Hotelnächten während unseren Zeltnächten nirgends registriert waren, wurde uns angeraten, dies in einem OVIR Büro noch nachzuholen. Doch leider war es entweder zu heiss um ein OVIR Büro zu suchen oder es gab gerade kein OVIR Büro in dem Dorf, wo wir uns für die Nacht installieren wollten. Um sicher zu gehen, ob wir uns auch tatsächlich ausnahmslos registrieren müssen (gegen diese bürokratische Schikane sträubten wir uns zunehmend), fragten wir ausnahmslos an jedem Polizeiposten nach - "njenada" - nein, nein, fürs Zelten braucht´s keine Registrierung. Oder "sprashivaitje na postje" - fragt am nächsten Posten. Die typische OIga in der nächsten Gastinitsa (Hotel) meinte jedoch wieder, "da, da, nada!" - doch, doch, es braucht eine Registrierung! Nun ja, OVIR oder nicht OVIR, das war hier die Frage. So entschieden wir uns für die Variante "Pokerface und Hundeblick" und warteten an der Grenze geduldig auf die Aufforderung unsere Registrationen zu zücken. Doch die Grenzbeamten schienen sich vor allem für Heroin in unserem Gepäck zu interessieren. Keiner wollte wissen, wo wir in Usbekistan übernachtet hatten...

Abkühlung im Choykhane
Fotoshooting
An der tadschikischen Grenze mussten wir die Grenzbeamten beim Schauen einer russischen Soap-Opera unterbrechen, was den Grenzübertritt wohl einigermassen beschleunigt hatte. Nach so viel Papierkrieg in Turkmenistan und Usbekistan erkundigten wir uns bei der tadschikischen Zollkontrolle zweimal, ob wir wirklich keine Deklaration brauchten um dann später ohne Probleme nach Kirgisien auszureisen. "Njet! Dawai, Dawai!" - Nein, geht jetzt endlich! war die freundliche, aber bestimmte Reaktion der Tadschiken. Und so fuhren wir los mit 12 km/h auf Schotterpisten in Richtung Dushanbe...

...und ab auf den Pamir-Highway