Donnerstag, 3. Mai 2012

Istanbul - Ankara...angekommen in Anatolien

Da wir wie gesagt keine Lust mehr hatten auf zehnspurige Autostrassen, nahmen wir nach ca. einer Woche Istanbul die Fähre ins südlich von Bostancı gelegene Yalova (wir haben also nicht "bschisse" und uns von der Fähre in den Osten transportieren lassen...). Nach einer kurzen Fahrt ans andere Ufer des Marmara Meers kauften wir noch rasch neuen Proviant und fuhren dann auf einer gemütlichen vierspurigen Strasse den Berg hoch ins Landesinnere. Bald schon merkten wir, dass der Frühling nun doch schon fortgeschritten war; die Hitze um die Mittagszeit machte mir bereits zu schaffen. Wahrscheinlich waren es erst 26°C oder so, ich hoffte daher, mich noch etwas besser an die heisseren Temperaturen gewöhnen zu können. Domi fuhr jeweils schon morgens kurz/kurz los (für nicht-Radfahrer: kurzärmlig und in kurzen Hosen), doch ich entschied mich für kurz/lang, einerseits weil ich hier auf dem Land noch keine Frau in kurzen Hosen gesehen habe und andererseits, weil ich bereits etwas für den Iran "üben" wollte. Zwei-, dreimal die Hosenbeine umkrempeln lag dann aber doch drin - es war einfach zu heiss! Nachdem wir den ersten Pass überquert hatten, genossen wir am Iznik See zum ersten Mal wieder etwas Ruhe und die Natur. Endlich weg von den Abgasen und den Blechlawinen Istanbuls. 


Am Nachmittag führte uns die Strasse am Ufer entlang nach Iznik, vorbei an eindrücklichen Felsen und durch das grösste Olivenanbaugebiet der Türkei. Dort angekommen wollten wir eigentlich nur einen kurzen Blick auf die Karte werfen, um zu entscheiden, wo wir unser nächstes Nachtlager aufschlagen sollten, da kam auch schon ein Restaurantbesitzer über die Strasse gerannt und überzeugte uns von seinen Pide. Während wir unseren Hunger stillten, erzählte er uns viel Interessantes über das Städtchen und von seinem Traum, mit seiner Honda Transalp auch mal eine Weltreise zu machen - Inshallah! Das köstliche Dessert und der Çay ging selbstverständlich aufs Haus. Wir waren einmal mehr überwältigt ob der Gastfreundschaft in der Türkei. 


Doch dies sollte noch nicht der Höhepunkt dieses Tages sein: Energiegetankt fuhren wir am Spätnachmittag weiter, noch über einen kleinen Pass ins nächste Tal, wo wir uns einen gemütlichen Zeltplatz bei einer Tankstelle an der nächsten Schnellstrasse erhofften. Die Schnellstrasse ähnelte dann aber sehr stark einer Autobahn, links und rechts begrenzt von Betonmauern. Von Tankstellen mit grünen Rasenanlagen fehlte jede Spur. So bogen wir ins nächste Dörfchen ab und fuhren weiter über Land. "Irgendwo werden wir wohl einen Bauern finden, der uns auf seinem Feld übernachten lässt", dachten wir uns. Als wir unseren Bauern dann endlich fanden, teilte dieser uns mit, dass wir schon da irgendwo übernachten könnten, aber auch dass es im nächsten Dorf einen Campingplatz geben würde... "Hä?" dachten wir, und fuhren ihm etwas ungläubig hinterher ins Dörfchen Bayat



Hier wurden wir gleich mal von ihm auf einen Çay im Dorflokal eingeladen und waren sofort umringt von der gesamten männlichen Dorfbevölkerung. Ich fühlte mich geehrt, auch zum Tee eingeladen zu werden aber war schon ziemlich die Henne im Korb. So unterhielten wir uns ein bisschen mit den Männern und fragten dann irgendwann nochmals nach, wo denn dieser Campingplatz sei. Ali, Burak und seine Freunde zeigten uns dann Bayat´s misafir evi, das Gästehaus der Moschee, wo wir übernachten sollten. Wir waren froh, unseren eigenen Schlafsack und Mätteli dabeizuhaben. Und mit unserer zusätzlichen Zeltplane, die eigentlich gegen Regen oder als Schattenspender gedacht ist, konnten wir einerseits das kaputte Fenster und gleichzeitig die Glasscherben am Boden und den Teppich noch etwas abdecken. Als uns die Jungs dann noch ein Znacht, inklusive dreier Harassen (eine als Tisch und zwei als Stühle) vorbeibrachten, war die Höhle endgültig voll. So assen wir spätabends noch Spaghetti mit Ketchup und Mayo und mit viel Öl zubereiteten Sellerie, während die Jungs draussen aufs Geschirr warteten. Zwischendurch kam dann noch Buraks Mutter, die extra für uns gekocht hatte, und seine Schwester vorbei, um zu schauen, ob es uns auch gut schmeckte. Erschöpft von den vielen Eindrücken, fielen wir in einen tiefen Schlaf, der morgens um fünf abrupt beendet wurde: Der Muezzin machte für uns keine Ausnahme und rief wie gewohnt lautstark die Dorfbevölkerung zum Gebet. 
Am anderen Morgen insistierten wir darauf, unser eigenes Frühstück zu machen, denn wir hatten mehr als genug zu essen dabei und wollten die Leute nicht länger belästigen oder von der Arbeit abhalten. Und so assen wir Müesli mit Früchten, umringt von Schulkindern, die alle genau hier auf den Bus warteten und an uns ihre Englisch Kenntnisse testeten. Wir verabschiedeten uns von Ali und seinen Kollegen bei einem Morgen-Çay, für den wir wieder partout nichts bezahlen durften, und fuhren weiter Richtung Ankara. 

Von den Olivenhainen weg führte uns die Strasse immer höher und höher in die Berge hinauf. Unseren Durst löschten wir an den zahlreichen Quellen am Strassenrand. Am Abend füllten wir dann erstmals einen unserer Wassersäcke, um genügend Wasser zum Waschen vorrätig zu haben. Was bei kühlen Temperaturen noch ausreichte (ca. 200 ml pro Person) verdunstete jetzt schon nur beim Vorbereiten der Waschschüssel. Kurz vor der Passhöhe fanden wir schliesslich einen geeigneten Zeltplatz im Pinienwäldchen und schliefen wieder herrlich. 
Als wir anderntags ins Tal runterfuhren veränderte sich die Landschaft merklich. Die Temperaturen stiegen weiter an, das Land wurde trockener und trockener. Die Brunnen wurden seltener, schattenspendende Bäume ebenfalls. So rasch hatten wir die anatolische Steppe nicht erwartet. "Hoffentlich haben wir genügend Wasser dabei" war gegen Abend der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf ging. Doch das Wasserproblem sollte sich rasch erledigen, denn ein gewaltiges Gewitter näherte sich uns. 
Vor uns schlugen Blitze ein, und wir befanden uns mitten in der Steppe - kein besonders gemütlicher Ort um in ein Unwetter zu geraten. Ausserdem war es schon spät, die Sonne ging schon bald unter, und ein geschützter Platz zum Zelten war nicht in Sicht. 

Als die Steppe in Steinwüste überging, tauchte vor uns plötzlich ein kleiner See mit Haus auf. Sofort steuerten wir darauf zu, da hielten sich Leute auf der Terrasse auf. "Hier dürfen wir bestimmt unser Zelt aufschlagen" dachten wir noch, als ein Mann aus dem Haus  kam, die Arme ausbreitete und uns zurief "Merhaba! Hoşgeldiniz!" Wir wurden von ihm und seiner Familie auf einen Tee ins Haus gebeten und noch bevor wir ihn fragen konnten, entschied er, dass wir hier in diesem Haus übernachteten. Es war eine nagelneue Vogelbeobachtungsstation, und Engin, der Mann, der uns begrüsste, war hier der Nachtwächter. Seine Familie hatte ihn noch kurz besucht und alle waren interessiert an den fremden Ankömmlingen. Engin und seine Familie zeigten uns stolz das gesamte Gebäude, die ausgestopften Tiere (Kurt hatte es mir besonders angetan, vor allem weil er ausgestopft war) und die wunderbare Felslandschaft, die morgens um sechs noch viel eindrücklicher sein sollte (Domi opferte sich anderntags fürs Fotografieren, ich fand die Landschaft auch um acht Uhr noch wunderschön). Nachdem seine Familie nach Hause gegangen war, assen Engin, sein Sohn und wir noch zusammen und unterhielten uns mit Hilfe meines Türkisch Kauderwelsch Büchleins bis spät in die Nacht. 










Unglaublich, wie wir, die kaum Türkisch können, mit ihnen, die kaum Englisch oder Deutsch sprachen, eine abendfüllende Konversation zustande brachten  und dabei so viel gelacht haben. Als wir am nächsten Tag wieder unterwegs waren, konnten wir beide unser Glück, diese lieben Leute angetroffen zu haben, immer noch kaum fassen. 

Da wir im Zeitplan gut drin waren und ich um die Mittagszeit immer noch Mühe mit der Hitze hatte, machten wir in Beypazarı einen längeren Zwischenhalt, assen etwas Kleines im Lokal gleich neben einer Schmiede, in der wir für umgerechnet fünf Franken ein handgefertigtes Beil hätten kaufen können. Anschliessend besuchten wir das Ortsmuseum des Osmanischen Altstädtchens. Am Nachmittag machten wir uns wieder auf den Weg und erklommen unseren zweitletzten Pass vor Ankara, auf dem wir bei etwas windigen Verhältnissen aber bei bisher unübertroffenem Panorama campierten. 

Der letzte Pass vor Ankara war nur noch ein Katzensprung entfernt und wir genossen bald die rasante Abfahrt in Richtung Hauptstadt. Nach Istanbul war die Einfahrt nach Ankara eine richtige Sonntagsfahrt. Wir entschieden uns meistens für die Busfahrspur und konnten unseren letzten Streckenabschnitt sogar noch ein bisschen geniessen. 

In Ankara angekommen hatten wir genügend Zeit, ein gutes aber günstiges Hotel zu suchen, und die Aussicht von der Dachterrasse sprach für alles, was uns im Hotel Yeni geboten wurde. Wir nisteten uns in einem gemütlichen Doppelzimmer ein, denn schliesslich würden wir hier einige Tage verbringen müssen, da wir noch einige Visa zu beantragen hatten. Bei der Uzbekischen Botschaft lief, wie erhofft, alles wie am Schnürchen, bis dann in der Bank, in der wir das Geld einzahlen sollten, das System zusammenbrach. "Please bring cash to the embassy", meinte die nette Dame am Schalter. Auf unsere Bitte hin telefonierte sie dann auch noch mit der Botschaft, dass das System wirklich zusammengebrochen war und keinerlei Transfers mehr getätigt werden konnten. So gingen wir wieder zurück zur Botschaft, wo wir dem Konsul 100 Dollar in die Hand drücken wollten. "This is not a good idea, I can´t take your money like this." Unsere Gesichter wurden länger und länger, was der Konsul wohl mitgekriegt hatte, denn nach kurzem Überlegen rief er einen Kumpel herbei. Ihm sollten wir nun die 100 Dollar geben und auf einen Fresszettel eine Botschaft an die Bank mit unserer Unterschrift versehen schreiben. Sein Kumpel würde das dann für uns erledigen, kein Problem, und so kriegten wir unsere Pässe mitsamt Uzbekischem Visum durchs Gitterfenster ausgehändigt. Bevor er es sich anders überlegte, machten wir uns erstaunt aber zufrieden auf den Weg zur Kyrgysischen Botschaft,  wo wir innerhalb einer Stunde unser Visum ausgehändigt kriegten. Am nächsten Tag begaben wir uns auf die Turkmenische Botschaft, wo wir das Visum beantragten, um es später in Mashhad im Iran abholen zu können (mal sehen, ob das klappt), sowie auf die Iranische Botschaft, um bisher unsere grösste Knacknuss endlich abzuholen, das Iranische Visum. Zu unserem erneuten Erstaunen war die Referenznummer, die wir in Vidin übers Internet beantragt hatten, tatsächlich in Ankara eingetroffen und wir durften gleich vor Ort die Visumsanträge ausfüllen. Da am 1. Mai auch in der Türkei alle Banken geschlossen waren, mussten wir uns noch einmal ein wenig gedulden, denn die Visa gab es erst mit bestätigter Einzahlung von je 50 Euro. So machten wir uns wieder auf den Weg ins Hotel. Doch die Busfahrt lief nicht so geschmeidig, wie wir uns das vorgestellt hatten, denn die Hauptstrasse, die vom Nobelquartier Kavaklidere ins etwas heruntergekommene Ulus führte, war wegen 1. Mai Demos gesperrt. Egal, wir hatten ja jetzt Zeit und genossen die Sightseeing-Tour durch die Schleichwege Ankaras für umgerechnet 1 Stutz pro Person. Am nächsten Morgen war ich die Erste auf den Beinen, ganz kribbelig, weil wir heute hoffentlich endlich unser Iranisches Visum abholen konnten. Um 9 Uhr standen wir bereits in der richtigen Bank um unser Geld einzuzahlen. Doch - unser 100 Euro Schein hatte einen klitzekleinen Riss an der Seite. Das ginge nicht, meinte diese nette Dame am Schalter. Bitten und betteln und Hundeblick nützte alles nicht, aber immerhin gab sie uns den Tipp uns an ein Döviz zu wenden, einem Wechselbüro. Jene nette Dame zuckte nicht mit der Wimper und händigte uns zwei einwandfreie 50 Euro Scheine aus. Wahrscheinlich waren wir nicht die Ersten... Nachdem wir also unsere Quittung hatten, gingen wir schnurstracks zur Iranischen Botschaft. Die Quittung wurde entgegengenommen, die Pässe gab es hingegen noch nicht zurück. Um 11 Uhr sei unser Visum bereit. Allah Allah! Zwei Stunden später, nach dem x-ten Starbucks Tall Cappuccino seit Einreise in die Türkei,  wurde uns endlich unser lang ersehntes und heiss begehrtes Iran-Visum ausgehändigt. Plus zwei touristische Reisekarten des Irans, was mir dann ziemlich ironisch erschien,  denn nur überhaupt ein Visum zu kriegen, schreckt wohl den einen oder anderen Touristen bereits  vorher ab, dieses Land zu bereisen. Nichtsdestotrotz war es einer der glücklichsten Momente seit unserer Abfahrt, denn den Iran besuchen zu können, ist eines meiner persönlichen Highlights. Nachdem wir also unsere Visa-Odyssee in Ankara beendet hatten, war endlich die Zeit gekommen für Sightseeing. 

So viel gibt es in Ankara zwar nicht zu sehen ausser vielleicht Atatürks gewaltiges Mausoleum und das Museum für Anatolische Zivilisationen. Die Gegensätze zwischen arm und reich waren hier das eindrücklichste Erlebnis. 
Während sich im anonymen Botschaftsviertel Zara, United Colors of Benetton, Marks & Spencer und Starbucks aneinander reihten, trifft man in der Altstadt von Ankara, in Ulus, wieder Simit (diese leckeren Brotkringel)-Verkäufer an, schlendert durch bunte und geschäftige Bazars (wo ich mir einen Manteau für den Iran kaufte - keine Angst, nicht das Star-Trek Teil auf dem Foto), und kann Süssholzwurzelsaft kosten, der nicht nur gegen Husten hilft sondern auch Handystrahlung abhält (hab ich da in der Vorlesung was verpasst?).


Kommentare:

  1. helööööööööööös
    mächtigprächtig. am beschtä gfauä mir fasch diä bärgä und d janine im simon-amman-gedächtnis-mänteli. superträffer. au lait.
    chrigu

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  2. Hola, hola
    der send eifach zwöi verokti
    Janine dä Morgerok chont der no guet
    witerhin no guet tramp
    Feleiz

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  3. Hoi Janine
    Hans hat mir Eure Blog-Adresse gegeben. Reisefüdlis lesen gerne von anderen Reisefüdlis. Eure Berichte sind spannend!
    Weiterhin eine gfreute Reise
    Monika von der Mobi

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  4. Hallo ihr unermüdlichen Radler
    Wieder mal ein Energieriegel gefällig? Ich möchte auf keinen Fall riskieren, dass Tramp-, Knips- und Schreibenergie nachlassen. Das Ergebnis aus den Dreien ist hitverdächtig.
    Gestern hat jemand bereits Interesse angemeldet, einen öffentlichen Vortrag mit euch zu veranstalten. Ihr seht, eure Zukunft ist gesichert ;-.
    Liebe Grüsse M

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  5. Hallo ihr Lieben,
    hier wieder einmal ein Lebenszeichen von der Onkel-Tanten-Generation. Es ist einfach toll, was ihr unternehmt. Wir beneiden euch und möchten nochmals jung sein. Euer Tagebuch ist sehr spannend und gut gemacht, die Fotos exzellent. Zu euren Erlebnissen: Ihr braucht sicher zeitweise auch viel Geduld und starke Nerven beim Warten auf Visas etc. Und es gibt gastfreundliche Menschen, aber auch aufgestellte, neugierige Gäste. So sollten wir miteinander umgehen auf dieser schönen Erde. Sich für Neues interessieren und nicht der Bratwurst und der Rösti nachtrauern.
    Uebrigens wir packen auch wieder für eine Reise auf vier Rädern. Nur sind sie bei uns zusammengehängt und wir nehemen das Dach und das Bett mit.

    Seid ganz herzlich gegrüsst von
    Ueli und Elisabeth

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