Sonntag, 20. Mai 2012

Auf den Nemrut Daği... oder Fluch des Antiochos

Nach den vielen wundersamen Eindrücken in Kappadokien, die wir zur Abwechslung zu Viert auf vier Rädern genossen haben, ging es nun weiter Richtung Osten, wo uns unser nächstes Ziel erwartete, der Nemrut Daği Naturpark. Doch bis dahin waren es noch mindestens fünf Tage und etliche Höhenmeter. Bereits am ersten Tag führte uns der Weg über einen Pass, vorbei an Hirten, Eseln und Kangal-Schäferhunden (eindeutig identifizierbar am Stachelhalsband, welches meistens bedrohlicher ist als der Hund selbst). Auf der Passhöhe diskutierten wir noch, ob wir vielleicht nicht doch schon die Regenjacke anziehen sollten, denn auf der anderen Seite des Berges war ein Gewitter im Anzug. Die ersten Tropfen fielen bereits als wir losfuhren, und während der rasanten Abfahrt bereute es niemand mehr, die vollständige Regenbekleidung angezogen zu haben. Es regnete in Strömen und der Wind peitschte uns die immer grösser werdenden Tropfen ins Gesicht. Gerade rechtzeitig, als sich die Tropfen in Hagelkörner verwandelten, fanden wir einen schützenden Unterstand. Den restlichen Tag verbrachten wir dann mit stetigem An- und Ausziehen der Regenbekleidung und schafften es gerade bis nach Develi, wo wir uns ein Hotelzimmer nahmen. Nach vier Nächten im Zelt und unbeständigem Wetter waren alle sehr rasch und Domi rasch von dieser Idee überzeugt. 

Mit dem Erciyes Daği im Rücken fuhren wir anderntags weiter durch eine Landschaft, die ebenso gut in der Mongolei hätte sein können. Weitreichende Steppen, in der Ferne begrenzt von Hügelzügen und schneebedeckten Bergen. Über einen dieser Berge führte unser Weg; die Passstrasse allerdings lag noch in weiter Ferne. Als wir in einem kleinen Dörfchen neuen Proviant einkauften, sammelte sich wie gewöhnlich eine Handvoll neugieriger Türken um uns herum. Einer wollte uns nicht gehen lassen, ohne dass wir von seinem Karottensaft gekostet hätten - dieser verleihe uns genügend Energie für die Weiterfahrt! Wir konnten nicht nein sagen und so fuhren wir gestärkt weiter den Berg hinauf, und vielleicht war es der Karottensaft, der uns diesmal dem nahenden Gewitter entkommen liess. 

Nach zehn Kilometer Baustelle erreichten wir den bisher höchsten Punkt auf unserer Tour - 1990 m.ü.M. auf dem Gezbeli Pass. Der Wind liess nur eine kurze Verweilpause zu, und so rollten wir runter ins Tal, wo wir bei einem Brunnen von einem freundlichen Türken sofort zum Çay eingeladen wurden. Seine Mutter, die auf der Terrasse den Spätnachmittag genoss, beschwerte sich mehrfach bei Allah, dass ihr seltener Besuch nicht so gut Türkisch sprach, und ihr Gehör auch nicht mehr das Beste war und eine Unterhaltung somit noch schwieriger war als sonst, jetzt wo sie doch schon einmal Besuch hatte! Ihr Sohn liess das mehr oder weniger kalt und er begnügte sich auch nicht mit den mittlerweile einfachen Fragen an uns woher wir kamen und wohin wir gingen (das mit dem verheiratet sein, hatte die Mutter vorher geklärt), sondern er stieg gleich ein bei Level 2 - Politik und Wirtschaft. Unser Türkisch reichte da bei weitem nicht aus, und so zeigten wir ihm mit Händen und Füssen was wir von der Abwahl Sarkozys und der amerikanischen Regierung (Bush bzw. Obama) hielten. Als die Gesprächsthemen schliesslich erschöpft waren, verabschiedeten wir uns und fuhren weiter. Unterwegs fiel Domi noch fast vom Velo, weil er eine Bienenfresser Kolonie gesichtet hatte. Wie wir später von einem deutschen Hobbyornithologen erfuhren, sind diese in der Schweiz so seltenen, farbenfrohen Vögel in der Türkei in Scharen anzutreffen. 

Bald schon verschwand die Sonne hinter den Bergen, und für uns war es an der Zeit ein Zeltplätzchen zu finden. Wir entschieden uns gegen die Wiese mit Stier und für die Bergkuppe mit Starkstromleitung. Während Tobias und Domi sich bereit erklärten im Tal Wasser zu holen, räumten Marianne und ich Steine weg und gruben Disteln aus, um die Zelte vernünftig aufstellen zu können. Als das Zelt stand, bemerkten wir, dass die Zeltstangen und Heringe vibrierten - gleichmässig, wie das Surren der Starkstromleitung. Als wir dann noch die herannahenden Gewitterwolken sahen, waren wir beide nicht mehr so sicher, ob wir den Zeltplatz noch so toll fanden, und warteten auf die Männer um dies zu diskutieren. Sie konnten uns leider auch nicht wirklich beruhigen, und Tobias musste seinem Kollegen aus der ABB eine SMS schreiben, um zu fragen, wie sicher es sei, in einem Gewitter unter einer Starkstromleitung zu campieren. Die Antwort kam rasch: Dort sei es sicherer als auf freiem Feld, ausser: 1. Man befinde sich direkt unter einem Strommasten (Check) und 2. zusätzliche Gefahr herrsche bei felsigem Untergrund wegen der Schrittspannung (Check). Zum Glück liess uns das Gewitter in Ruhe und ein strahlend schöner Sternenhimmel erschien über unseren Köpfen. Ausserdem hatten wir ja Isoliermätteli dabei, da hätte eh nichts passieren können... 

Ausgeruht (Marianne zwar mit Nackenschmerzen - siehe www.velosophie.ch) freuten wir uns auf die Abfahrt nach Kahramanmaras, die Stadt der Eiscremes. Diese köstlichen Dondurma, wie sie hier genannt werden, bestehen aus nichts weiterem als Schafsmilch, Zucker und Salep (gepulverte Orchideenwurzel) und sind so gummig, dass sie auch bei stärkster Nachmittagssonne kaum schmelzen. Da der Orchideenbestand in der Türkei aufgrund der Dondurma-Produktion stetig sinkt, ist es verboten, Salep-Pulver aus der Türkei zu exportieren. Dies war Grund genug, gleich noch eine zweite zu bestellen und am Abend zum Dessert nochmals eine zu essen, und fürs Fotoshooting am nächsten Morgen gab´s noch eine letzte Portion. Mit vollem Bauch ging´s dann weiter Richtung Nemrut

Marianne, ich und die "Kinderfabrik"
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als wir am Strassenrand hielten, um Wasser nachzufüllen. Da kam eine ältere Frau aus dem Häuschen an der Strasse zu uns her, um uns auf einen Çay einzuladen. Wir nahmen die Einladung gerne an und folgten ihr über ein intensiv nach Kamille duftendes Wieschen in einen kleinen Garten, der etwas versteckt hinter Aprikosenbäumen und Rosensträuchern lag - ein Paradies. Die Frau stellte uns dann nacheinander ihren Ehemann, ihren Sohn und ihre Schwiegertochter vor, bei denen sie zur Zeit zu Besuch waren. Es war Anneler Gün - Muttertag. Wir wurden zu Tisch gebeten, und die Schwiegertochter und die Männer verschwanden im Haus um Tee zu kochen. Kurze Zeit später fanden wir den Tisch reich gedeckt mit selbstgemachtem Joghurt, Konfitüren, Oliven, gefüllten Weinblättern, frischem Brot, Käse, Börek - und für jeden das obligate Gläschen Çay vor. Wir protestierten, weil wir ja nur einen Çay erwartet hatten, aber sie wollten nichts davon hören, und fanden, dass wir schliesslich noch Energie brauchten um bis nach Gölbaşi zu kommen. Alles sah so gut aus, da konnten wir uns nicht länger zurückhalten. Obwohl wir gerade erst gefrühstückt hatten, war unser Appetit schon wieder gross, und die Anne, die während wir assen jede Menge Telefonanrufe von ihren Kindern erhielt, begann jedes Gespräch mit "Yemek yok" - zu Essen gibt es nichts mehr, und lachte dabei herzlich. Der Mittelpunkt dieses Morgens war immer diese lustige, alte Frau, die von ihrem Ehegatten liebevoll als Çocuk fabrikazı (Kinderfabrik) betitelt wurde, denn schliesslich hatte sie ganze neun Kinder zur Welt gebracht. Zum Abschied gab´s dann noch für jeden frische Erdbeeren aus dem Garten und eine rote Rose (die Damen erhielten gleich zwei) zum Anstecken. Berührt und mit lachenden Herzen fuhren wir weiter. 

Mittagspause machten wir erst um halb Fünf in einem kleinen Restaurant voller Muselmänner, und fuhren anschliessend die letzten Kilometer nach Gölbaşi. Dort wollten wir noch Proviant einkaufen und wurden sofort umzingelt von Kindern und der männlichen Dorfbevölkerung. Einer ging direkt auf Tobias zu und fragte ihn in gebrochenem Deutsch, woher wir seien. Es stellte sich heraus, dass Öskar, wie er hiess, in Buchs SG vor 20 Jahren im Bahnhofbuffet gearbeitet hatte, und sogar gemeinsame Bekannte mit Marianne und Tobias hatte. Öskar war sehr traurig darüber, nicht mehr in der Schweiz arbeiten zu können, vergebens bewarb er sich um eine Verlängerung des Visums. In der Türkei fand er auch keine Arbeit mehr und wurde von Freunden und seiner Familie verstossen, weil er sich in den vier Jahren Schweiz zu stark verändert hatte, und der schönen Türkei den Rücken kehrte. Er wandte sich vom Islam ab und passte seine Gewohnheiten denjenigen der Schweizer an. Immer noch, vielleicht auch aus Wehmut, isst er jeden Morgen "Butter und Konfi" mit Brot anstelle der hier üblichen Gurken, Tomaten, Oliven und Käse. 

Öskar zeigte uns ein schönes Plätzchen zum Zelten und wir luden ihn zu uns ein zu Kaffee und Picknick. Diese Einladung nahm er gerne an, und er erzählte noch ein wenig länger von den guten alten Zeiten in der Schweiz. Am andern Morgen kam er dann noch einmal vorbei, um zu fragen, ob wir gut geschlafen hätten und sich von uns zu verabschieden. Wir packten unsere sieben Sachen und fuhren weiter in Richtung Nemrut. Heute wollten wir es bis an den Fuss des Berges schaffen, damit wir dann am nächsten Tag nur noch den Anstieg zum Gipfel vor uns hatten. Die Sonne schien kräftig und wir taten nichts anderes als stetig treten und tropfen. 

Zur Mittagszeit hielten wir in einem kleinen Dörfchen bei einem Kebap Salonu an und erfrischten uns an einem kühlen Ayran und assen Tavuk Döner. Von Gökan, dem Besitzer des Salons erfuhren wir, dass das Dörfchen zur Hälfte aus Türken und zur Hälfte aus Kurden bestand. "We live together!" betonte er stolz. Als sich dann ein älterer Herr zu uns an den Tisch gesellte, meinte Gökan, dass wir diesen unbedingt fotografieren sollten - es handelte sich schliesslich um Hüsseyn, den letzten Seldschuken des Dorfes. Kebapgesättigt fuhren wir eine Weile weiter, und erkundigten uns nach schönen Zeltplätzchen. Langsam bemerkten wir aber, dass unsere Türkischkenntnisse mehr und mehr schwanden. Oder waren es die Leute, die nicht mehr Türkisch sprachen? Auch die Umgebung hatte sich verändert. Plötzlich sah man öfters Bauern, die anstatt mit dem Traktor, mit einem Esel oder einem Fuhrwerk unterwegs waren. Ein Blick auf die Türkeikarte zeigte uns - wir waren in der berühmt berüchtigten Osttürkei angelangt. Waren wir hier sicher? Wie steht es zur Zeit um die Kurdenfrage? 

Es blieb uns nichts anderes übrig, als uns Tritt um Tritt vor zu wagen in diese touristisch weniger erschlossene Region der Türkei. Es ging auch gar nicht lange, wurden wir von einem Polizeiauto angehalten. Am Strassenrand warteten wir geduldig, was der Beamte mit uns vor hatte. "Hoş geldiniz!" (Willkommen!) rief uns der Polizist streng zu, was schon mal nicht schlecht war, bis Domi die Grussformel mit einem "Hoş Bulgur!" anstatt korrekterweise mit Hoş bulduk! erwiderte. Doch der Polizist schien es überhört zu haben, und schon bald stellte sich heraus, dass er an uns wie so viele zuvor, nur seine Englischkenntnisse ausprobieren wollte. Kurz darauf fanden wir schliesslich ein wunderschönes Zeltplätzchen an einem kleinen Dorfsee. Leider fand uns das Dorf fünf Minuten später ebenfalls und mit der idyllischen Ruhe war es vorbei. 

Auch hier verstanden wir die Bevölkerung kaum noch, aber der kurdische Widerstand schien sich zumindest in dieser Region etwas beruhigt zu haben, denn die frechsten der Kindermeute waren laut eigenen Angaben "50% Kurdish - 50% Turkish". Am nächsten Morgen wollten wir früh los, zum einen, um wenigstens unser Frühstück in aller Ruhe einnehmen zu können, und zum andern, um rechtzeitig auf dem Nemrut Gipfel anzukommen, so dass wir eventuell noch ein paar Fotos bei Sonnenuntergang schiessen konnten. 
Unterwegs machten wir Halt bei verschiedenen Sehenswürdigkeiten im Nemrut Naturpark,  bevor wir nach dem Mittagessen den steilen Anstieg zum Gipfel in Angriff nahmen. Die Sonne brannte, während wir uns im Schritttempo den Berg hinauf quälten. Die Schotterstrasse wand sich immer steiler und steiler den Berg hinauf und mit meinen Kräften ging es mehr und mehr bergab. In einer Kurve ging ich nur kurz aus dem Sattel, was ein kapitaler Fehler war, denn sofort verlor ich die Kontrolle über das Velo und stürzte (diesmal unsanft) zu Boden. Ich war mit meinen Kräften am Ende und es waren noch mehr als 500 Höhenmeter zu überwinden. Eine Weile versuchte ich noch das Fahrrad zu schieben, aber auch dies ging immer schlechter und ich musste mir wohl oder übel eingestehen, dass ich diesen Berg nicht ohne Hilfe schaffen würde. 

Tobias, Marianne und Domi hatten zum Glück noch genügend Energie in den Beinen und nahmen mir einen Teil meines Gepäcks ab. So schafften wir es zu Viert den Berg hinauf und wurden auf dem Gipfel von applaudierenden Touristen herzlich in Empfang genommen. Der Kurdische Teestubenbesitzer auf dem Berg lud uns daraufhin bei sich zum Abendessen ein und liess uns unser Zelt unter seinem windgeschützten Balkon aufstellen. Erschöpft hüllten wir uns in unsere Schlafsäcke ein und warteten auf das Morgengrauen um das letzte Stück bis zum Gipfel zu Fuss zurückzulegen. Dort erwartete uns das 2000 Jahre alte Grab von König Antiochos I. mit einer künstlich aufgetürmten, 50 Meter hohen Bergspitze - eines der UNESCO Weltkulturerbe der Türkei. Die imposanten Steinköpfe auf dem Gipfel, die das Grab schmücken, sollen bei Sonnenaufgang am schönsten sein. Regenwetter und Wind sei Dank, durften wir noch etwas länger liegen bleiben, denn aus der schönen Morgenstimmung auf dem Berg wäre bei dem Wetter nichts geworden. Zeus, Antiochos und Co. waren zum Glück auch etwas später noch wunderschön und das atemberaubende Panorama liess die gestrigen Strapazen in den Hintergrund rücken. Wir assen  unser Frühstück und rollten dann einige Kilometer hinunter ins nächste Bergdorf, wo wir uns den wohl verdienten Ruhetag gönnten.



Kommentare:

  1. Ooooo hellös zämä, mir gfaut eifach scho wieder dr bärg am beschte. Pass tönt aber o prima. Bi hüt wieder mau es renne gfahre. Ir nöchi vo leipzig. Super wärtter und e 37er schnitt. Es paar chöi eifach nid so velo fahre und hei de aube ide enge kurve müäh hehe. Liäbä gruäß chrigu

    AntwortenLöschen
  2. Hoi zämme
    "Du kommst als Fremder und gehst als Freund" so wird ja die Türkische Gastfreundschaft beschrieben. Aber das, was ihr da schildert ist ja wohl kaum mehr zu topen...!? Wie müssen wir (Schweizer) wohl den Türkischen Gastarbeitern vorkommen? Und doch scheint es Öskar bei uns gefallen zu haben.
    Ich hab mal wieder herzlich gelacht, liebe Janine, und mir Domis "raschen Entscheid" zur Zimmerbuchung ausmalen können...Auch die frustrierte Türkische Mutter, die nichts verstand, konnte ich mir dank deinem farbigen Bericht lebhaft vorstellen.
    Übrigens: Ich habe gar nicht gewusst, dass dich Insider "Jane" nennen. Wenn ich mir Domi so als Tarzan vorstelle.... :-)
    Lieber Domi, das was du da isst, scheint dich nicht wirklich zu überzeugen ;) Was ist das?
    Weitere herzerwärmende Begegnungen, unvergessliche Bilder und Grund zum Lachen wünsche ich euch auf der Weiterfahrt. Häbet Sorg! M.

    AntwortenLöschen
  3. Helölelele Zämä,
    mir gfaut doch no öppis anders aus dr bärg. ds yb-velodress! bravo.
    liäbä gruäss
    chrigu

    AntwortenLöschen
  4. Halo zäme.
    Hen der, drei Soudate öpe e chli chaut gha. Weder rüdig schöni Böuder, aber die Stross of dä
    Pass ue,das esch jo fascht nor Schotter, de send jo öisi Waudstrosse no besser.
    E liebe Gruess ond Velo heil
    Feleiz

    AntwortenLöschen

Schreib uns was...