Samstag, 11. August 2012

Wo die Flüsse aufwärts fliessen...

Camping im Adventure's Inn

Zusammen mit anderen gestrandeten Weltreiseradlern und Rucksacktouristen sassen wir eine ganze Weile im Adventure´s Inn (Mini-Hotel konzipiert für ca. 8 Gäste - zu den besten Zeiten waren wir aber ungefähr 40 Leute, zusammengepfercht in neun Zelten im Vorgarten und auf der Garageneinfahrt. Ein paar Rucksacktouristen ohne Zelt schliefen noch irgendwo im Büro auf dem Boden) in Dushanbe und diskutierten hin und her, ob wir es nochmals wagen sollten in den Pamir aufzubrechen oder nicht. Schliesslich hörten wir immer wieder, die Strasse sei nun geöffnet und die Lage stabil. Auch von anderen Touristen, die aus dem Pamir zurückkamen, erfuhren wir, dass das Städtchen zwar wie ausgestorben sei, ein paar Barrikaden auf der Strasse errichtet seien, aber dass es ansonsten kein Problem war den Ort zu durchqueren - mit dem Geländefahrzeug. 

Viehmarkt
chumm, mir wei ine, es chuelet...
Trotzdem hatten wir ein ungutes Gefühl, und die Tatsache ein paar Tage zuvor selbst mit Polizisten einer tadschikischen Spezialeinheit gesprochen zu haben, erleichterte Domi und mir die Entscheidung wesentlich besser, als anderen, die die Situation nur vom Hörensagen einzuschätzen versuchten. Da für Touristen nur der nördliche Grenzübergang bei Khujand nach Kirgisien geöffnet war, war für uns schnell klar, dass dies unsere Ausreise aus Tadschikistan sein würde. Dazwischen lagen allerdings zwei Dreitausender, die absolut niemand, der vom Norden her nach Dushanbe geradelt war, ein zweites Mal befahren wollte - viel zu anstrengend. Nicht gerade rosige Aussichten, zumal mich schon wieder ein Käfer an den Porzellanthron fesselte und ich es mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte in einer Tagesetappe 2000 Höhenmeter zu strampeln. Da unser tadschikisches Visum noch eine Weile gültig war, und das kirgisische Visum erst in ca. 10 Tagen anlief, sassen wir noch ein paar Tage länger im Adventure´s Inn und gewöhnten uns schon langsam an den Alltag: Zu heiss im Zelt - aufstehen. In den Vorgarten zu den anderen Gestrandeten auf die kaputten Plastikstühle sitzen (am 1. August waren wir insgesamt 11 Schweizer, aber ohne Raketen), Frühstücken, diskutieren was zu tun sei, Plastikstühle ein Stück weiter in den Schatten schieben, diskutieren, neue Reisende begrüssen und informieren, junges Kätzchen streicheln, Plastikstühle ein Stück weiter in den Schatten schieben, diskutieren, demjenigen, der auf den Basaar ging Einkaufsaufträge mitgeben, Plastikstühle ein Stück weiter in den Schatten schieben, auf die Uhr schauen - Vier Uhr - Bier trinken, diskutieren, Plastikstühle ein Stück weiter in den Schatten schieben, Gemüsetäschchen (enthalten viel Zwiebeln und wenig fettes Fleisch) essen, diskutieren, schlafen gehen. 

Ab und zu machten wir auch Ausflüge auf Botschaften, wobei sich der Besuch beim Schweizerischen Konsulat als weniger hilfreich herausstellte als erwartet - sie hatten noch weniger Informationen als wir. Die Neuigkeiten, die wir aber von Seiten der kirgisischen Botschaft und von neuen Reisenden her erhielten, brachten plötzlich Schwung in das Ganze: Das Gerücht ging um, dass Khorog nun für mindestens zehn Tage für alle Touristen geschlossen blieb und der Grenzübergang, der aus dem Pamirgebirge nach Kirgisien führte, ebenfalls gesperrt worden sei. Dafür sei aber der nordöstliche Grenzübergang bei Karamyk aufgrund der aktuellen Lage für Touristen geöffnet worden. Zusätzlich erfuhren wir, dass Schweizer Staatsangehörige für Kirgisien ab dem 1. August 2012 kein Visum mehr benötigten. Wir konnten also sofort aus Tadschikistan raus, ohne uns über die anstrengenden Dreitausender quälen zu müssen. So packten wir unsere sieben Sachen, verabschiedeten uns vom Adventure´s Inn, und fuhren auf direktem Weg in Richtung Kirgisien.

Tagsüber war es immer noch brütend heiss in der Sonne, und wir waren froh, unseren ersten Zeltplatz auf einem Pass gewählt zu haben, so konnten wir uns wenigstens in der Nacht etwas abkühlen. Die Strasse führte uns von stark landwirtschaftlich genutztem Gebiet in felsigere Gegenden, wo ausser dem reissenden Fluss weit unten im Tal kaum mehr Wasser floss. Vereinzelt fanden wir Brunnen, an denen wir uns dann doch noch etwas erfrischen konnten (Domi benetzte ein bisschen den Kopf, ich mich von oben bis unten bis ich pflotschnass war). Am dritten Tag erreichten wir die Abzweigung nach Kalai Khum, und somit die andere Strasse, die in den Pamir führte. Zum ersten Mal in diesem Land bestätigte uns hier ein Kontrollposten, dass die Strasse nach Khorog geschlossen sei. Die Informationen schienen nun also definitiv durchgedrungen zu sein. So fuhren wir an der Abzweigung vorbei, weiter in Richtung Kirgisien. 

vom Gewitter verschont
im Oshkhona













Wir merkten bald, dass die Leute in diesem Teil Tadschikistans bisher wohl nur wenige Tourenradfahrer gesehen hatten. Sie reagierten mit Erstaunen und blieben eher zurückhaltend, als wir an ihren Lehmhütten vorbeifuhren. Hielten wir an, um kurz Rast zu machen oder um einen Gulasch oder Laghman (Nudelsuppe) zu essen, wurden sie aber dennoch neugierig und stellten uns die üblichen Fragen. Und anderswo wurden wir reich beschenkt mit einem Sack voller Gemüse und Brot, oder einem Einmachglas voll frisch gekochtem Aprikosenkompott. So konnten wir unsere etwas einseitigen "Pamir-Vorräte", die wir nun aufbrauchten, häufig noch etwas aufpeppen. 

letzter Zeltplatz in Tadjikistan
Mittlerweile war ich wieder fit um "normale" Distanzen zurücklegen zu können und das Wetter trug das seine mit dazu bei: Nachmittags zogen Wolken auf, es wurde kühler und irgendwo in der Ferne hörten wir jeweils Donnergrollen. Ausser den einzelnen unmotivierten Regentropfen, die sich in unsere Nähe verirrten, blieben wir jedoch vom Gewitter verschont. Gegen den Wind konnten wir aber nichts anderes tun als fester in die Pedale treten. Oftmals merkten wir gar nicht, ob wir bergauf oder bergab fuhren und wunderten uns plötzlich, dass Bäche neben uns in die falsche Richtung flossen. Wir hielten erstaunt an und versuchten unsere Orientierung zurückzugewinnen, was uns aber irgendwie nicht gelang. Hier schien das Wasser tatsächlich bergaufwärts zu fliessen.


Kirgisischer Heutransport
Im Niemandsland zwischen
Tadjikistan und Kirgisien











Etwas nervös waren wir schon, als wir schliesslich an der Grenze ankamen. Es kursierten viele Gerüchte und wir waren nicht sicher, ob diese Grenze auf einmal wieder geschlossen werden würde, sobald der Pamir-Highway wieder offen war, und dies konnte heute oder auch erst nächsten Monat der Fall sein. Und noch einmal zurück nach Dushanbe zu fahren, hätten wir beide im Kopf nicht ausgehalten. Wir merkten, dass auch wir für die Zöllner "Neuland" waren, als wir ihnen klar machen mussten, dass wir weder Fahrraddokumente auf uns trugen noch ein Nummernschild an den Rädern hatten. So liessen sie uns passieren und bald hatten wir den tadschikischen Ausreisestempel im Pass. Nach ca. 12 km Schotterpiste erreichten wir den kirgisischen Grenzposten, der aus nicht viel mehr bestand als ein paar verrosteten Bauwagen und einem Container mit Notstromaggregat. Zollkontrolle kannten sie hier nicht und den Einreisestempel erhielten wir relativ rasch auf eine neue Seite im Pass mit dem Kommentar des Beamten: "Schwijzarskji - visa nje nada!" Schweizer, ihr braucht kein Visum mehr! Zum Glück wusste er das, sonst hätten wir noch drei Tage im  Niemandsland ausharren müssen...


endlich mal wieder kalt
Chong-Alau Bergkette










Wir nutzten den Rückenwind aus und fuhren los in die weite Ebene Kirgisiens, wo uns Männer mit trolligen Filzhüten freundlich von ihrem Pferd herab zulächelten, Kinder am Strassenrand winkten oder von den hintersten Ecken der Dörfchen zuschrien "Turist, Turist!". Die mutigsten unter ihnen aber sprangen auf die Strasse und versperrten uns den Weg in der Hoffnung uns die Hände abklatschen zu können, worauf sie jeweils in schallendes Gelächter ausbrachen. Bald schon erschien am Horizont die Chong-Alau Bergkette mit dem gigantischen Pik Lenin, der mit seinen 7134 m.ü.M. einer der höchsten Gipfel des Pamirs ist, und ebenfalls der höchste, den man vom Highway aus gesehen hätte. So fuhren wir auf der wunderbar geteerten Strasse in Richtung Sary-Tash und blickten immer wieder, zugegeben etwas wehmütig über unser verpasstes Highlight, hinüber zum Pamir-Massiv. Und neben uns ritten Kirgisen auf ihren Pferden über die Steppe der Sonne entgegen.




Pferde scheinen übrigens besonders geschätzt zu werden in diesem Land. So zeigte uns ein kirgisischer Junge auch erst stolz das Foto seines loshad (Pferd) und erst dann das Bild seiner devushka (Freundin). Und als Nationalgetränk trinken die Kirgisen in den Sommermonaten kymys - vergorene Stutenmilch (haben wir noch nicht gewagt zu trinken, werden wir aber noch tun, versprochen!). 


Kein Traum fuer Fettfuedlischafe...
Ein Traum fuer Pferdefluesterer










Dass wir kein Pferd unter dem Sattel hatten, sondern aus eigener Kraft auf über 3000 m.ü.M. herumfuhren, merkten wir vor allem beim Trinken: Zwei, drei Schlucke Wasser und wir japsten bereits nach Luft. Auch unsere Unterhaltungen während der Fahrt wurden kürzer - uns fehlte schlicht und einfach der Sauerstoff. So genossen wir die Stille der kirgisischen Hochebene und fuhren ins kleine Bergdörfchen Sary-Tash, wo wir in einem kleinen Hotel übernachteten. 


Alp mit Jurten
Hotel Aida in Sary-Tash










Wir konnten uns noch eine Nacht an die Höhe gewöhnen und fuhren am nächsten Tag über den bisher höchsten Pass unserer Reise (3589 m.ü.M.; zwar kein Vergleich zu den Pässen im Pamir, die uns mehrmals über 4000 Meter geführt hätten, doch etwas schummrig im Kopf wurde es uns trotzdem. War eigentlich ganz lustig). Wir fuhren an saftigen Alpweiden vorbei auf denen Yaks grasten und Nomaden in den Bächen vor ihrer Jurte Wäsche wuschen oder sonst irgendwie beschäftigt waren, und anstatt der Melonen, wurde am Strassenrand Stutenmilch angeboten (dank der angenehmen Temperaturen waren wir aber eigentlich gar nicht mehr so durstig). 


und schon wirds wieder heiss...
roti Baeckli und Schlitzoeigli - joeh!










Die gesamte Talfahrt kämpften wir dann gegen fiesen Gegenwind an und konnten nur bei den paar kurzen "8% Gefälle" Abschnitten mal wieder die Beine hängen lassen. Wir sind in Dushanbe von Christoph bereits darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass der Wind in den Bergen am Vormittag vom Pass herab, und am Nachmittag um 180° drehte und den Hang hinauf blies. So wäre es eigentlich am gescheitesten, auf dem Pass zu übernachten, dachten wir, und hängten an die 100 km noch deren 22 an, um die 900 Höhenmeter der nächsten Etappe mit Rückenwind geniessen zu können. 


picklige Huegel
Chyirchik-Pass










So war es dann auch. Etwas müde in den Beinen erreichten wir bei Sonnenuntergang den Chyirchyk-Pass und übernachteten da oben in einer etwas unromantischen Betonjurtenbar. Nach einem Radfahrerfrühstück (Brot, Tee und vier Spiegeleier für jeden) fuhren wir am nächsten Morgen mit tollem Rückenwind in zwei Stunden die 60 km nach Osh, wo wir uns im ersten Hotel niederliessen und den restlichen Tag die Beine hochlagerten.

Kommentare:

  1. hellös zämä,

    kirgisie isch scho super. itz muäss Dir no nach bischkek ds geburtshuus vom talant duschebajev go aluägä ;-)

    bi auso scho chli enttüscht, dass dr herr fougendes nid säuber weiss:

    "der Wind in den Bergen am Vormittag vom Pass herab, und am Nachmittag um 180° drehte und den Hang hinauf blies"

    das isch doch dr bärg-talwind klassiker. erschti lektion geo bim hobby brunner! äiäiäiäi

    liäbä gruäss
    chrigu

    p.s. ig has nume bis uf 1962müM - uf die grossi Scheidegg gschafft.

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  2. Hoi zäme,
    dir sit dänk scho über aui Bärge. Mir si geschter in Osh acho. Heis ächt gmüetlech gno und si in Jirgatol und Sary Tash no ei Tag blibe. Wieso heit dir ä Stämpu im Pass übercho a dr kirgisische Gränze und mir nid? Är het üs kene wöue mache. Mir si übrigens im gliche "Hotel" in Sary Tash gsi und hei no Ellen troffe. Machets guet und wär weiss viellecht triffte me sich wieder emau...
    lg Fabienne

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  3. hellös zämä,

    hoffe es geit euch guät. ha am sunnti d cyclassics absolviert. 157km mit 39er Schnitt. Eigentläch ganz leger. Leider hetts mi nachäm ziu birä pavee-passage ufä sack ghout (vorderrad inärä rille im pavee blockiert). itz weiss ig, wie säch d profis so fühlä. zum glück nume schürfwunde und prellige a euboge, schultere, schlüssubei und hüft - aber mä cha de haut nid so guät penne. aber äbä: wär nid cha velofahre sötts haut la si! immerhin muäss ig am nächstä tag de ke aupeetappe fahre. hoffe, bi Euch geit aus guät!
    liäbä gruäss usäm nordä
    chrigu

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  4. Hoi Janine,
    habe gestern Deine Mutter in der Badi getroffen. Sie hat mir von Eurem Unternehmen erzählt. Wow, toll. Ich bin beeindruckt von Euren Berichten, Erlebnissen und Fotos. Gratulation zu dem, was ihr schon erreicht habt und was ihr noch vorhabt. Einfach gigantisch. Hoffe, es geht Euch gut!
    Liebe Grüsse aus der momentan sehr heissen Schweiz.
    Cornelia Eltrich

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